Mittwoch, 24. August 2011

Unfreiwillige Werbung im Sport - Muss das sein?


Oben: WM 2006 Ukraine vs. Tunesien, unten: Lorenz-Günther Köstner bei einer Pressekonferenz
Bildquellen: Oben: By azrael74 from Berlin, Deutschland (Flickr) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons, Unten: By funky1opti (originally posted to Flickr as IMG_7334) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons

Um eine Veranstaltung durchführen zu können, wird oft Geld benötigt. Im Fußball ist das auch so. Die Vereine benötigen Geld für die Instandhaltung des Stadions, neue Transfers, Gehälter usw. - klingt alles nachvollziehbar. Das dieses nicht durch die Stadionbesucher, die für ihr Ticket rund 20 Euro zahlen, finanziert werden kann, liegt wohl daran, dass die meisten Fußballer komplett überbezahlt sind und Transfers in unverschämter Höhe getätigt werden (z.B. Cristiano Ronaldo, Ablösesumme 94 Millionen Euro!). Aus diesem Grund ist es schon seit Ewigkeiten geduldet, dass Wirtschaft und Fußball ineinander übergreifen und weitreichende Geschäftsbeziehungen eingehen.
Dafür müssen wir uns nur die beiden oben gezeigten Bilder ansehen und können diesen Schulterschluss von Verein und Konzern perfekt nachvollziehen. Wir sehen eine Momentaufnahme aus dem WM-Spiel Ukraine gegen Tunesien aus dem Jahr 2006: Die TV-Zuschauer beobachten den kommenden Eckstoß aus erhöhter Position, haben einwandfreie Sicht auf die Werbebanden im Hintergrund. Selbst ein eingefleischter Fan wird die Werbung wahrnehmen und die Werbebotschaften namenhafter Konzerne aufnehmen. Dabei sticht einem beispielsweise Adidas - Textilkonzern, der Kinderarbeit und Ausbeutung in seinen Produktionsstätten duldet- oder Budweiser Budvar - Bierhersteller aus Tschechien - ins Auge. Mission geglückt! - Die Zuschauer haben die Werbung erfolgreich aufgenommen, warscheinlich im Unterbewusstsein und werden sich vermutlich auch in Zukunft wieder an Adidas, Budweiser oder Fly Emirates erinnern, was natürlich auch das eigentliche Ziel von Werbung ist.
Das Spiel geht gewohnt weiter, die Ecke wird ausgeführt und die Kameraperspektiven wechseln. Erneut wird Werbung eingeblendet, nur dieses Mal von anderen Konzernen. So geht es allerdings nicht nur die regulären 90 Minuten Spielzeit, sondern auch vor und nach dem Spiel. Abpfiff, die Spieler verlassen langsam den Platz. Hektisch stellen Mitarbeiter die Interviewwände auf, vor denen jetzt Spieler interviewt werden. Natürlich sind immer Kameras dabei, damit auch hier die Kundschaft nicht zu kurz kommt. Im Rücken des Spielers fallen die Logos verschiedener Konzerne auf. Die sind von Verein zu Verein verschieden. Der Reporter beginnt auch direkt mit der ersten Frage: Er will wissen, warum das Spiel heute nicht so gut lief und bekommt wie immer eine standartisierte Antwort: "Heute war nicht unser Tag. Die Mannschaft war nicht voll konzentriert und konnte nicht das ganze Potentzial abrufen" So oder so ähnlich. Die Kamera fürs Fernsehen läuft ununterbrochen weiter, nimmt das Gespräch auf und filmt gleichzeitig die Werbung im Hintergrund. Erneut hat der Werbedeal gefruchtet. Auch die Fotografen für Nachrichtenagenturen knipsen munter. Ihre Bilder werden bald in vielen Zeitungen weltweit auftauchen, denn es ist anscheinden egal, dass die Zeitungen und Magazine auf diese Weise kostenlose Werbung abdrucken. Das ist halt so, mag man meinen.
Ein paar Fragen folgen, dann geht es in die Kabinen des Stadions. Dort wird jetzt eine Pressekonferenz stattfinden (z.B. Bild unten). Erneut Kamerateams, Reporter, Fragen zum Spiel und die lästigen Werbewände im Hintergrund. Auf dem Bild ist Lorenz-Günther Köstner zu sehen und hinter ihm prangen die Logos verschiedener Werbekunden. Auch ich habe jetzt freiwillig für diese Konzerne Werbung gemacht, obwohl ich dafür kein Geld bekomme. Für schätzungsweise 20% der Werbereichweite dieser Sponsoren sind Zeitungen und Magazine verantwortlich, da sie bedenkenlos Trikotsponsoren, gesponsorte Stadiennamen und eben die gemachten Bilder abdrucken. Ganz ohne Eigennutzen.

Es geht aber nicht nur um die ungewollte Werbung, sondern auch darum, dass der Fußball eine Plattform für fragwürdige Unternehmen geworden ist. Bereits bei den Trikotsponsoren für die Saison 2011/12 lassen sich mehrere pikante Beispiele finden: Der VfL Wolfsburg kassierte vom örtlichen Automobilkonzern VW stolze 20 Millionen Euro. Statt endlich umweltfreundliche Autos zu entwickeln, werden lieber solche Unsummen in einen Verein gesteckt. 8 Millionen Euro bekommt Borussia Dortmund bis 2013 vom Unternehmen Evonik, dass mehrere Kohlekraftwerke betreibt und dessen Geschäftsführer sich für mehr Kohle- und Atomkraftwerke ausgesprochen hat. Hannover 96 erhält 3 Millionen vom Reiseveranstalter Tui, der durch Flugreisen gewiss nicht zum Umweltschutz beiträgt. Diese Liste könnte ich für Stadiennamen, Bandenwerbung, Printanzeigen in den Stadienmagazinen usw. fortführen. Der Fußball ist schon soweit kommerzialisiert, dass alles vermarktet wurde, was sich irgendwie zu Geld machen lässt.
Es geht doch gar nicht mehr um den Fußball an sich, sondern um gnadenlose betriebswirtschaftliche Absichten.

Nicht nur im Fußball haben Sponsoren ihren Platz gefunden, da auch beim Skispringen, Handball, Skilanglauf und anderen Sportarten die Sponsorengelder nicht mehr wegzudenken sind. Man betrachte nur einmal das Beispiel Martin Schmitt, da dieser förmlich komplett von oben bis unten mit fragwürdigen Unternehmen bestückt ist. Auf dem Kopf trägt er seinen typischen lilafarbenen Helm, gesponsort von Milka. Sein Anzug trägt unter anderem Logos von Audi oder Teldafax (bezieht Strom aus Kohle- und Atomkraft, bestreitet gerade das Insolvenzverfahren). Wieviel Geld er damit pro Saison einstreicht, ist natürlich nicht bekannt. Wenig wird es nicht sein. Und auch er wird von zahlreichen Kameras abgelichtet; die Sponsoren sind auch hier immer gut sichtbar.
Dabei soll es nicht speziell eine Kritik an Martin Schmitt sein, da auch andere Spitzensportler vom Sponsoring profitieren.
Aber mal ehrlich: Geht da nicht der eigentliche Sinn des Sports verloren? Ich sehe die Bilder der Sportereignisse in der Zeitung, sehe den Biathleten Michael Rösch mit dem Teldafax-Logo auf dem Gewehr und frage mich, ob der Leser sich jetzt überhaupt noch komplett auf die eigentliche Aussage des Bildes konzentriert. Warscheinlich nicht!

Nun gibt es bereits die ersten Reaktionen aus der Medienlanschaft: Die Tageszeitung Taz hat nun ein neues Projekt gestartet, bei welchem in Zukunft alle Bilder von Sportereignissen soweit bearbeitet werden, dass alle Sponsoren nicht mehr erkennbar sind. Selbst rechtlich ist dieses vollkommen vertretbar, da die Bilder frei bearbeitet werden können. Andere Zeitungen und Magazine wissen noch nicht, wie sie auf diesen Vorstoß reagieren sollen. Warscheinlich drucken sie weiterhin die Bilder ab und sehen keinen einzigen Cent für diese gute Werbung.

Sport und Werbung passt nicht zusammen, besonders nicht auf Bildern. Schließlich geht doch der eigentliche Charakter des Sports verloren und fragwürdige Unternehmen bekommen eine nützliche Werbeplattform geboten, oder nicht?

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