Freitag, 28. September 2012

Liebe Bahn, geht's noch?

Überzeugte Autofahrer mögen sich dieser Tage in ihren Ansichten wieder einmal bestätigt fühlen: dabei heißt es immer wieder, dass die Bahn zu teuer, unpünktlich und unpraktisch sei. Vermutlich bekommen sie dabei zunehmend Recht, auch wenn ich das ungern zugebe.
Ich sitze in einem ganz gewöhnlichen Regionalzug, es ist schon ziemlich spät und eigentlich möchte ich jetzt nur noch nach Hause. Dafür müsste ich aber meinen Anschlusszug bekommen, was laut Fahrplan mit ein paar Minuten Zwischenstopp zu schaffen sein sollte. Als der Zug dann endlich einfährt, ist mein Anschlusszug längst weg. Immerhin bin ich mit rund einer Viertelstunde Verspätung eingetroffen und muss nun warten - eine ganze Stunde. Natürlich gibt es schlimmere Situationen und sollte es mit einer gewissen Gelassenheit sehen, wenngleich Verspätungen bei der Deutschen Bahn immer öfter zur Tagesordnung gehören. Es geht ja nicht nur mir so.

Das ist sicher noch zu verkraften, wenn da nicht noch kaputte Klimaanlagen, willkürlich handelnde Kontrolleure und zunehmend steigende Preise wären. Draußen sind es 35 Grad, die Leute steigen in den ICE am Frankfurter Hauptbahnhof und sind, für den Sommer ungewohnt, dick angezogen. Sie rechnen damit, dass die Klimaanlage die Temperatur im Wagon auf angenehme 18 Grad herunterkühlt und sie dann mit langer Hose und Pullover gut beraten sind. Zu oft ist es nun in der Vergangenheit passiert, dass die Klimaanlage plötzlich nicht funktionierte und die Fahrgäste bei wirklich unangenehmen Temperaturen ausharen mussten. Gerade an sehr heißen Tagen passieren solche Pannen verhäuft.
Und als wäre das nicht schon schlimm genug, wurden in der Vergangenheit mehrmals Fahrgäste aus dem Zug geworfen, weil sie das falsche Ticket gelöst hatten. So kam es vor, dass eine 16-Jährige bei minus 19 Grad gegen Mitternacht aus dem Zug verwiesen wurde, weil ihr exakt zwei Euro für das richtige Ticket fehlten. Jedes Mal versucht die Bahn AG anschließend die Situation zu besänftigen, zeigt Einsicht und spricht von arbeitsrechtlichen Konsequenzen und der Verpflichtung, dass minderjährige Fahrgäste unter keinen Umständen aus dem Zug verwiesen werden dürfen. Offensichtlich reichen solche Selbstverfplichtungen nicht.
Und jetzt erhöht die Bahn auch noch die Preise für ihre Fahrkarten - geht's noch? Demnach plant die Aktiengesellschaft eine Preiserhöhung im Dezember. Schuld sind - mal wieder - die angeblich steigenden Energiekosten. Irgendwie mag es einen auch gar nicht mehr verwundern, immerhin wurden die Preise, abgesehen vom Jahr 2010, in jedem Jahr erhöht. Die Begründung variiert dabei selbstverständlich, sodass mal Personal- und Energiekosten oder eben die allgemeine wirtschaftliche Lage der scheinbare Grund für die Preiserhöhung ist. Um 2,8 Prozent werden die Preise somit zum Jahresende steigen, was auch die BahnCards teurer machen wird.

Spricht man mit älteren Menschen über die Entwicklung der Bahn, ist die tiefe Enttäuschung meist schnell zu merken. Immerhin kannten sie noch die Zeiten, in denen es erheblich mehr kleine Provinz- und Güterbahnhöfe gab, die preiswerten Fahrkarten von Menschen an Schaltern ausgegeben wurden und allgemein der Service besser war. Damals lohnte sich der Transport von Waren auch für kleine und mittelständische Unternehmen, was sich heute zum großen Teil auf die Straße verlagert hat, sodass diese Waren nun mit umweltschädlicheren LKW transportiert werden.

Die Probleme bei der Deutschen Bahn sind vielseitig, wenngleich schwer zu sagen ist, wer daran Schuld trägt. Statt die Mobilität in allen deutschen Regionen kostengünstig sicherzustellen, konzentrierte sich der Konzern in seiner Vergangenheit lieber auf die Vorbereitung des Börsengangs und milliardenschwere Großprojekte in beispielsweise Dubai. Dabei müsste die Deutsche Bahn sich zum Ziel setzen, dass alle Menschen auf bezahlbare Tickets zurückgreifen können und der Transport von Gütern verstärkt auf die Schiene verlegt wird. Letztlich beweist die erneute Preiserhöhung einmal mehr, dass hier die Politik glatt versagt und das Dienstleistungsunternehmen zu einem profitorientierten Monopolisten umstrukturiert hat, statt ein Unternehmen zu schaffen, dass die Mobilität aller Menschen in Deutschland zuverlässig sicherstellt. Bezahlbare Mobilität ist schließlich ein Grundrecht.
Des Weiteren ist Zugfahren gewiss das umweltfreundlichste öffentliche Verkehrsmittel, wenngleich die Bahn AG  im vergangenen Jahr ihren Strombedarf zu über 45 Prozent durch Stein- und Braunkohle sowie zu über 22 Prozent durch Atomkraft gedeckt hat. Der Anteil der erneuerbaren Energien lag demnach bei 21,8 Prozent und soll bis 2050 auf 100 Prozent angehoben werden. Viel zu spät, wenn man bedenkt, dass sich der Konzern gerne als Vorreiter im Bereich des Klimaschutzes feiert. Der vermeintliche Ökostrom kommt übrigens aus Wasserkraftwerken vom Energieriesen RWE, der sein Geld mit Kohle- und Atomstrom verdient.

Wo muss also angesetzt werden, damit sich endlich etwas ändert und die Bahn dem Gemeinwohl dient? Unnötige Projekte wie Stuttgart 21 würden Milliardenbeträge freisetzen, die ganz klar sinnvoller investiert werden könnten. Das ist nun aber zu spät. Ansonsten ist hier die Politik gefragt, damit die Preise endlich wieder fallen, die Bahn sich auf ihre ursprünglichen Aufgaben zurückbesinnt und die Züge endlich mit echtem Ökostrom fahren. Wenn der Konzern so weitermacht, muss ihm seine Monopolstellung entzogen werden, damit Platz für neue Ideengeber ist. Aktuell kann das nur förderlich sein.
Mit der Bahn werde ich weiterhin fahren. Besser als das Auto ist es allemal. Dennoch: Wenn die Bahn ihren Weg weiterhin so geht, werden wir niemals eine ökologische und bezahlbare Beförderung, fernab von klimaschädlichen Flugzeugen und PKW, gewährleisten können.

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