Sonntag, 9. September 2012

"Shoppen für eine bessere Welt" - Markus Feix im Interview

Markus Feix_variomondo
Markus Feix (li.) am Messestand von Variomondo mit Professor Yunus.

Existenzgründer Markus Feix spricht im Interview über sein eigenes Projekt, ökologisch und fair hergestellte Produkte und die Idee, wie Menschen mit Behinderung in bessere Arbeitsverhältnisse gebracht werden könnten.

Thorge Ott: Herr Feix, stellen Sie sich doch bitte einmal kurz vor.
Markus Feix: Ich bin Markus Feix und habe als Angehöriger eines Menschen mit Behinderung das Sozialunternehmen Variomondo gegründet, um behinderte Menschen besser in Arbeit zu bringen.

T.O.: Sie sind Betreiber des Onlinehandels Variomondo.com. Was genau steckt dahinter und wie ist es zu diesem Vorhaben gekommen?
M.F.: Als Angehöriger sehe ich, dass es für die Behindertenwerkstätten nicht leicht ist, Arbeitsstellen auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt für ihre Schützlinge zu finden. Mein Bruder ist seit bald 20 Jahren in einer WfB und hätte durchaus das Talent für einen Hilfsarbeiterjob, bekommt ihn aber nicht. Davon möchte ich weg und mit Variomondo zukünftig ein besseres Angebot schaffen. Zu Beginn wollen wir die Produkte aus Behindertenwerkstätten vermarkten und möchten zukünftig das Produktsortiment um weitere faire und ökologische Produkte ergänzen.

T.O.: Nach welchen Kriterien suchen Sie dabei Ihre Produkte aus?
M.F.: Bevorzugt werden natürlich Produkte aus Behindertenwerkstätten. Generell müssen die Produkte bei Variomondo nach sozialen und/oder ökologischen Aspekten hergestellt sein. Manchmal überwiegt das eine, manchmal das andere. Wir versuchen Transparenz herzustellen, woher die Ware kommt und welche Kriterien sie erfüllt. Der Kunde hat somit die freie Wahl.
Wir müssen jedoch auch ein attraktives Angebot für die Kunden schaffen. Da nicht alles in Behindertenwerkstätten hergestellt wird, ergänzen wir unser Sortiment mit internationalen Fairtrade-Produkten und anderen sozial-ökologischen Produkten, um dem Kunden alles zu bieten – nur eben besser als „herkömmlich“.

T.O.: Was hebt Ihrer Meinung nach Variomondo von anderen Onlineshops ab?
M.F.: Variomondo ist ein Social Business mit dem Ziel, behinderte Menschen besser in Arbeit zu bringen. Dies möchten wir anfänglich erreichen, indem wir Produkte aus Behindertenwerkstätten vermarkten. Bei uns kann der Kunde, früher oder später, alles finden, was man im Alltag benötigt, was schön ist oder ideal verschenkt werden kann. Das ganze Projekt ist nicht renditeorientiert und kommt komplett ohne externe Investoren aus.

T.O.: Sind sich die Menschen überhaupt schon ausreichend über aktuelle und drohende Umweltprobleme bewusst und wie offen sind deutsche Verbraucher gegenüber dem fairen Handel und nachhaltig produzierten Produkten? Zeichnet sich ein Trend ab?
M.F.: Sicherlich kann man einen Trend zu mehr sozial-ökologischem Bewusstsein erkennen, aber die breite Masse will einfach tolle Produkte kaufen, ohne ihr Gewissen zu beschäftigen. Den meisten ist es noch nicht ins Bewusstsein gerückt, dass sie mit ihrem Kaufverhalten die Welt verändern können. Viele können es sich auch schlichtweg nicht leisten. Es ist so, dass die Mehrheit in Deutschland gerne sozial-ökologische Aspekte eines Produktes als Bonus mitnimmt, dafür aber nicht mehr zahlt. Das muss er auch nicht. Sie werden überrascht sein, wie viele Produkte es aus deutschen Werkstätten in entsprechend höherer Qualität gibt.
Wir möchten einfach mit tollen, hochwertigen Produkten überzeugen und bei Variomondo.com alles bieten, was der Mensch konsumiert. Da wir noch relativ jung dastehen, bauen wir unser Angebot weiterhin stetig aus.

T.O.: Kunden müssen sich in Ihrem Onlineshop auf teils etwas längere Lieferzeiten einstellen. Warum ist dieses aktuell nicht vermeidbar?
M.F.: Wir haben ein sehr breites Sortiment: Deko- und Geschenkartikel, Spielsachen, Kosmetik und biologische Lebensmittel – im Prinzip wird man bei uns alles finden können, was der Mensch konsumiert. Bereits heute gibt es bei uns eine gute Auswahl von Produkten aus Behindertenwerkstätten und auch die ersten Fairtrade-Produkte, wie Kaffee, Tee oder Schokolade. Demnächst wird es eine umfangreiche Auswahl ökologisch hergestellter fairer Kleidung geben.
Da können wir in der Anfangsphase einfach nicht immer alles von jedem Partner auf Lager haben, welches übrigens von einer Behindertenwerkstatt betrieben wird. Also arbeiten wir anfänglich mit WfBs und Partnern zusammen, die auch mal nachliefern können. Sukzessive bauen wir Bestände auf. Es kommt darauf an, dass ein Anfang gemacht ist. Die Verfügbarkeit von Waren sowie die Lagerkapazitäten werden sich mit der Unterstützung der Kunden zukünftig entwickeln und verbessern. Übrigens arbeiten die großen Versandhändler vergleichbar. Wir brauchen uns da nicht zu verstecken, nur unser Unternehmensziel ist ein anderes.

T.O.: „Shoppen für eine bessere Welt“ heißt der Slogan Ihres Shops: Kritiker werfen Ihnen in diesem Fall vor, dass shoppen nie die Welt besser machen kann. Im Gegenteil. Wie sehen Sie das und warum haben Sie sich für diesen Slogan entschieden?
M.F.: Noch haben sich keine Kritiker bei mir gemeldet. Der Slogan ist allgemein ein geflügeltes Wort. Er drückt aus, wie man mit dem Kaufverhalten die Welt verändern kann. Das über den Slogan und somit über uns gesprochen wird, hat Vorteile und macht umso mehr Sinn, wenn man erkennt, dass bei uns mehr hinter dem Konzept steckt, als Rendite für Investoren. Dann macht Shoppen für eine bessere Welt erst richtig Sinn. Genau deswegen sind wir wohl die ersten, die ihn als Markenslogan verwenden. Außerdem macht Shoppen Spaß und darf es auch bei uns!
Bei uns gibt es kein Shoppen, bei dem der Glücksschrei im Halse stecken bleibt, wenn man sich die Produktionsbedingungen anschaut. Der Mensch muss essen, braucht Kleidung und hat das Bedürfnis, andere zu beschenken. Konsumverzicht geht nur begrenzt in unserem körperlichen Dasein. Niemand ist in der Lage, alles selbst herzustellen, also muss man Shoppen. Ist es da nicht schön, dabei die Welt besser zu machen, als sie vorher war?

T.O.: Denken wir ein Stück weiter: Wo sehen Sie das Projekt in einem, wo in fünf Jahren? Wie sehen Ihre Visionen aus?
M.F.: Ich möchte Variomondo zum integrativen Unternehmen ausbauen: z.B. Variomondo-Shops in Fußgängerzonen, in denen behinderte Menschen mitarbeiten oder auch Produkte in Kooperation mit Behindertenwerkstätten. Wir wollen ein faires Angebot für den ersten Arbeitsmarkt schaffen und zugleich schöne Produkte für den Kunden.

T.O.: In Ihrem Onlineshop ist viel die Rede vom sogenannten Social Business. Was ist unter diesem Begriff zu verstehen und was macht es Ihrer Meinung nach so wichtig?
M.F.: Bei Social Business geht es darum, ein Problem zu lösen und zwar nicht als Charity, sondern macht man aus der Not eine Tugend, indem man ein sozial-ökologisch verträgliches Geschäft daraus macht.
Social Business geht auf den Friedensnobelpeisträger Professor Yunus zurück, der, wie viele wissen, 2006 für seine Verdienste rund um Mikrokredite ausgezeichnet wurde. Social Business basiert nicht auf Mikrokredit, denn im Gegenteil erhalten Kreditgeber überhaupt keine Zinsen, auch ich nicht. Es geht vielmehr darum, ein Problem zu lösen. Es ist somit zwar nicht renditeorientiet für irgendwelche Geldgeber, aber Gewinne darf man durchaus machen und muss man sogar als Unternehmen. Erwirtschaftete Gewinne fließen zurück ins Unternehmen und in faire Gehälter für die Mitarbeiter. Social Business ist Selbsthilfe. Hier schließt sich der Kreis zu meinem Bruder und anderen.

T.O.: Wie sieht eigentlich Ihr persönliches Engagement aus?
M.F.: Seit 1 ¾ Jahren stecke ich viel Energie und Geld in Variomondo.com. Neben meinem Hauptberuf baue ich das Ganze auf und habe hierfür noch nichts zurückerhalten. Ich hoffe, irgendwann mein beigesteuertes Geld wenigstens zurück zu erhalten und mir danach als eigener Mitarbeiter ein faires Gehalt zahlen zu können, was sich an Non-Profit-Organisationen orientieren wird. Auch will ich, neben anderen Menschen, meinen jüngeren Bruder in Lohn und Brot bringen. Er war die Motivation für die Idee.

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