Freitag, 19. Oktober 2012

Carrotmob - Kaufen für die Umwelt?

Leistet ein Carrotmob einen ernsthaften Beitrag zum Klimaschutz?
Bildquelle: Charleston's TheDigitel, Flickr, CC-BY-Lizenz 2.0

Vor einem Spätkauf steht eine Handvoll Leute, von jung bis alt gemischt und sie alle sind wegen dem Carrotmob vor Ort. Sie möchten sich aktiv für das Klima einsetzen und durch den Kauf von Produkten etwas verändern. Nacheinander betreten sie den kleinen Kiosk und kaufen fleißig ein: Schokoriegel, Getränke, Eis und viele weitere Produkte gehen über die Ladentheke. Es herrscht eine ausgelassene und angenehme Stimmung, alle sind sich einig, dass sie sich in diesem Moment aktiv für den Klimaschutz einsetzen und diese Aktion einen großen Effekt haben wird. Nach rund drei Stunden ist die Aktion vorbei, der sogenannte Späti wurde fast komplett leer gekauft und zugleich konnte ein großer Umsatz generiert werden. Gut fürs Klima, natürlich. Es klingt wirklich toll und wirkt sehr einfach. Klimaschutz ohne großen Aufwand eben. So toll es auch klingen mag, ist es im Endeffekt allerdings nicht.

Die Aktionsform Carrotmob ist eine besondere Form des Smart Mobs, also eine Art Flashmob mit ernsthaftem Hintergrund. Dabei werden beispielsweise mehrere Supermärkte, Restaurants usw. in einer Stadt angefragt, ob sie den, in einer bestimmten Zeit, generierten Umsatz bzw. einen Teil davon in die klimaschonende Sanierung ihres Ladengeschäfts investieren würden. Anschließend müssen die Ladenbesitzer angeben, wie hoch dieser Anteil vom Umsatz sein wird. Der höchste Prozentsatz bekommt dann den Zuschlag, sodass über verschiedene soziale Netzwerke Menschen für einen bestimmten Zeitpunkt zu diesem Laden mobilisiert werden. Diese sollen dort deutlich mehr kaufen/konsumieren, als sie es sonst üblich tun würden. Alles halt für den guten Zweck. Seinen Ursprung nahm der Carrotmob im März 2008 in San Francisco, von wo aus sich diese Aktionsform über die ganze Welt verteilte. So fanden bereits Aktionen in Finnland, Frankreich, Kanada und auch in Deutschland statt. Die Bezeichnung ist im Übringen eine Ableitung von der Möglichkeit, einen Esel zu motivieren, indem man ihm eine Karotte vor die Nase hält.
Und das läuft in diesem Fall sehr ähnlich ab, da man als Konsument einen Mehrkonsum und höhere Umsätze verspricht, wenn der ausgewählte Ladenbetreiber im Anschluss zum Beispiel umweltfreundliche Kühlschränke oder neue Glühbirnen im Geschäft einsetzt.

Hach, es klingt wirklich zu gut und hat in der ganzen Republik bereits Anklang gefunden. Nicht nur in Berlin wurde ein Späti beinahe leer gekauft, sondern auch in München aß man Döner für die gute Sache und in Hamburg wurde an einem ganzen Tag fleißig in einem Supermarkt eingekauft. Oldenburg veranstaltete eine klimaschädliche (man bedenke hierbei alleine die gigantische Beleuchtung eines solchen Clubs) Carrotmob-Party und auch in zahlreichen anderen Städten fanden ebenfalls bereits solche Mobs statt. Das Interesse an dieser Aktionsidee wird immer größer und Konsumenten sowie Geschäftsleute sind gleichermaßen zufrieden damit.
Es symbolisiert sehr gut, wie stark Verbrauchernetzwerke Einfluss nehmen und Dinge ändern können. Dennoch bleibt es bei dieser symbolischen Wirkung, weil der Carrotmob viel mehr eine Spaßveranstaltung ist und das eigentliche Problem nicht an der Wurzel anpackt.

Zunächst geht es allen TeilnehmerInnen darum, dass sie bewusst mehr konsumieren und dieses als Buycott bezeichnen. Sie sind der Überzeugung, dass ein Boykott der falsche Lösungsansatz sei und man lieber den Schulterschluss mit der Wirtschaft wagen sollte. Lieber mehr Produkte kaufen, statt zu verzichten, was dem Klima durchaus eher zu Gute kommen würde. Schließlich muss weiterhin die Frage gestellt werden, was für einen Sinn der Kauf konventioneller Produkte in einem Spätkauf oder Supermarkt hat. Eigentlich ist es doch mehr als kontraproduktiv, wenn plötzlich verstärkt Konsumenten Coca-Cola, Nestle-Schokoriegel, fleischhaltige Bifi oder Kaffee aus Kinderarbeit aus dem Laden tragen. Bereits damit haben sie schon so erheblich das Klima geschädigt und Menschenrechtverletzungen finanziell unterstützt, dass ein umweltfreundlicherer Kühlschrank oder Energiesparlampen dieses niemals ausgleichen können. Der Carrotmob sollte also nicht in einem Einzelhandelsgeschäft oder Restaurant stattfinden, sondern muss bewusst auf die Hersteller zugegangen werden, weil doch bereits die Rohstoffgewinnung, der Herstellungsprozess sowie der damit verbundene Transport für die negativen Klimaauswirkungen verantwortlich sind. Es werden beim Carrotmob also stets die falschen Adressaten angesprochen. Demokratische Verhältnisse schaffen und Einfluss auf Konzerne nehmen zu können, ist durchaus wünschenswert und geradezu notwendig.

Grundsätzlich bleibt also festzuhalten, dass der Carrotmob lediglich eine hippe Spaßveranstaltung für all jene ist, die tatsächlich denken, dass die Umwelt auch ohne eindeutige Konsumkritik geschützt werden kann. Durch den Kauf von Produkten, die man also gar nicht benötigt und die zugleich aus fragwürdigen Herstellungsprozessen stammen, wird nachhaltig ein viel größerer Schaden angerichtet. Nur wenn bewusst Produkte nicht erworben werden, setzt man ein Zeichen gegen ausbeuterische Verhältnisse und für ökologisch-gerechtere Produktionsweisen. Es nutzt den Herstellern, die so eine stärkere Akzeptanz für ihre Produkte erhalten und auch die Ladenbetreiber machen, trotz Sanierung, ein richtig gutes Geschäft. Für die Umwelt kommt unterm Strich nichts dabei herum. Ganz im Gegenteil.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Protest gegen E.ON in Rendsburg - Schönfärberei verhindern!


Kreativer Protest gegen E.ON - AtomkraftgegnerInnen beim Drachenboot-Fun-Cup in Rendsburg

Zum zwölften Mal fand der E.ON Hanse Cup in Rendsburg statt, der zum größten Teil durch den Titelsponsor E.ON Hanse getragen wird. Dabei handelt es sich um den - laut Veranstalter - härtesten Rudermarathon der Welt und zugleich ein Familienfest für die Region. Jahr für Jahr zieht dieses Ereignis zahlreiche Besucher an und wurde in diesem Jahr sogar vom Ersten Deutschen Fernsehen übertragen. Neben der Ruderregatta der internationalen Achter, fand auch ein sogenannter Drachenboot-Fun-Cup statt, an dem Vereine, Unternehmen und andere Gruppen teilnehmen können.

Es ist fast 10:00 Uhr, am Kreishafen sind etliche Imbissbuden aneinandergereiht und bislang scheinen die Besucher noch auszubleiben. Es regnet. Dennoch sind die AktivistInnen der Fukushima Mahnwache Schönberg und der Bürgerinitiative Kiel gegen Atomanlagen schon aus weiter Entfernung eindeutig zu erkennen: Sie tragen Anti-Atomkraft-Fahnen an ihrer Kleidung und haben die einheitlich schwarze Kopfbedeckung mit Stickern des gleichen Logos verschönert. An die vorderen Plätze glaubt eigentlich niemand, zumal es auch gar nicht um den Sieg, sondern viel mehr den Spaß und das politische Signal geht. Was hat Politik auf einer Sportveranstaltung zu suchen, mag man sich im ersten Moment fragen und wird feststellen, dass nicht zwangsweise Parallelen bestehen. In diesem Fall ist die Situation eine andere, immerhin wird ein Großteil der Veranstaltung durch den Energieriesen E.ON finanziert, sodass die AktivistInnen allen Grund zur Teilnahme haben. Es soll ein kreativer Protest werden, der die Leute von der guten Idee überzeugt und mediale Aufmerksamkeit bekommt. Etwa eine Stunde später sitzt ein Teil der AtomkraftgegnerInnen im angemeldeten Boot und wartet auf das Startzeichen. Dann geht es los und die blauen Paddel werden gleichmäßig in das Kanalwasser gestochen. Zur gleichen Zeit hat der andere Teil der Gruppe ein Transparent mit der Aufschrift "Atomkraft tötet - E.ON ausschalten!" am Ziel ausgerollt und verteilt passende Flyer mit der Aufforderung zum Stromanbieterwechsel an die anderen Zuschauer. Diese Aktion bleibt natürlich nicht unkommentiert, sodass aus dem Kommentatorenhäuschen die Ansage kommt, dass Engagement per se nicht schlecht sei, es bei diesem Rennen aber alleine um den sportlichen Hintergrund ginge. Bis dahin sind die Gemüter noch nicht allzu stark erregt, da das Transparent anschließend wieder eingerollt wird. Auf die Flyer reagieren die Menschen überwiegend positiv und nehmen diese offen entgegen.

Aber wozu dieser ganze Protest, wenn es sich hierbei um eine ganz normale Sportveranstaltung handelt, die Menschen verbindet und Unterhaltung bietet? E.ON ist der größte private Energiekonzern der Welt und alleine in 12 EU-Ländern vertreten. Der Energieversorger hat kein Interesse an einer echten Energiewende, weshalb es in der Vergangenheit in Deutschland zu Entschädigungs-Klagen kam. Wegen der Abschaltung von drei Atomkraftwerken nach Fukushima und der Besteuerung von Uran zog das Unternehmen bis vor das Bundesverfassungsgericht. 2010 setzte sich der Strommix aus 48 Prozent Atom- und 36 Prozent Kohlestrom zusammen, wenngleich die erneuerbaren Energien lediglich 9 Prozent ausmachten. Ernsthafte Verbesserungen gab es seitdem nicht. Alleine in Deutschland und Schweden sind 17 von E.ON betriebene Atomkraftwerke am Netz, die ein dauerhaftes Risiko für die Menschheit darstellen und Atommüll produzieren, für den es kein sicheres Endlager gibt. Des Weiteren zählt E.ON zum größten Investor für den Atomkraftwerk-Neubau Pyhäjoki in Finnland. Gleichzeitig werden in Wylfa und Oldbury (Großbritannien) gemeinsame Geschäfte mit dem Energieriesen RWE gemacht. Und als wäre das noch nicht genug, ist E.ON Gesellschafter der Firma Urenco, die Betreiber der Urananreicherungsanlage in Gronau ist.
Auf diese Fakten müssen die Leute aufmerksam gemacht werden, damit sie ihren Vertrag bei E.ON kündigen und zu einem echten Ökostromanbieter wechseln können. Durch eine Veranstaltung, wie diesen Kanal-Cup, kommt es zu einer Verschleierung der Tatsachen und die Menschen sehen den Konzern lediglich als verantwortungsvollen Sponsor von Veranstaltungen und Arbeitgeber für die Region. Vielmehr geht es also um eine Schönfärberei des Unternehmensimages.

Es vergeht wieder etwas Zeit, der Regen lässt langsam nach und der Veranstaltungsplatz wird zunehmend voller. Großes Interesse sieht dennoch anders aus - 300 Zuschauer sind es schätzungsweise gewesen.
Dann geht es ganz schnell: Ein Aktivist der Umweltschutzorganisation Robin Wood erklettert einen Fahnenmast und entrollt ein Transparent mit der Aufschrift "Stop Atomtransporte". Er protestiert damit gegen die fast jede Woche auf dem Nord-Ostsee-Kanal stattfindenden Transporte radioaktiver Substanzen. Dieses bleibt nicht lange unentdeckt, sodass der Kletterer von der Security und Veranstaltungsleitung heruntergezogen wird. Kurze Zeit später ist dann auch das Verteilen der Flyer verboten.
Der Veranstaltungsleiter kommt auf eine Handvoll AktivistInnen zu und beteuert abermals, dass deren Auftreten die ganze Veranstaltung sowie die Besucher stören würde. Sport und Politik gehörten niemals zusammen, fügt er hinzu. Außerdem würde E.ON ja soviel für die Region tun und ohne diese finanziellen Mittel sei so eine Veranstaltung gar nicht zu finanzieren, heißt es abschließend. Diese Gelder sollte der Konzern lieber in eine echte Energiewende investieren, schließlich wäre das viel besser fürs Image.
Kurze Zeit später stößt eine Pressesprecherin der E.ON Netz AG hinzu, um die Situation zu schlichten. Dabei legt sie Wert darauf, dass sie für die E.ON Netz AG arbeitet und es ihr somit egal sein könnte, was der restliche Teil der E.ON-Gruppe für Machenschaften betreibt. Des Weiteren behauptet sie, dass Deutschland die sichersten Atomkraftwerke hat und sie nicht verstehen kann, warum die AktivistInnen den weltweiten Neubau von Atomkraftwerken kritisieren. Es könne einem schließlich egal sein, was außerhalb von Deutschland passiert. Offensichtlich ist sie mit der Situation überfordert und verweist auf ein Gesprächsangebot mit einem anderen Pressesprecher, welches am Sonntag, also dem letzten Veranstaltungstag, stattfinden soll. Ihren Namen will sie nach dem Gespräch dennoch nicht verraten, vermutlich aus Angst davor, dass ihre lächerlichen Aussagen mit ihrem Namen in Zusammenhang gebracht werden.

Daraufhin startet das zweite Rennen des atomkritischen Drachenboots. Wieder wird das Transparent entrollt, wobei sofort zwei Securitys angerannt kommen und dieses, in einem sehr rabiaten Ton, verhindern wollen. Die Veranstaltungsleiterin der Canal-Cup Rendsburg GmbH stößt hinzu und verdeutlicht, dass sämtliche Flyer und Transparente verboten sind, "weil es sich um eine reine Sportveranstaltung handelt" und diese mit Politik absolut nichts zu tun hätte. Sie macht anschließend deutlich, dass man auf die andere Seite des Kanals ausweichen könnte, um dort den Protest fortzuführen. Drei AktivistInnen entrollen dort ein großes Transparent mit der Aufschrift "Atomkraft - Schluss!" auf Höhe der Ziellinie, welches für die Zuschauerinnen und Zuschauer gut zu lesen ist. Die Polizei lässt nur kurz auf sich warten, nimmt von lediglich einer Person die Personalien auf und fährt dann wieder ab.
Das letzte Rennen haben die Atomkraftgegnerinnen und -gegner dann für sich entscheiden können. Vorletzter Platz heißt es am Ende. Alle sind sich einig, dass diese Aktion gegen E.ON und für die sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke nötig und sehr erfolgreich verlaufen ist. Die Veranstalter haben für das nächste Jahr bereits eine Filterung bei der Zulassung von teilnehmenden Gruppen angekündigt. Solch einen Protest hat diese Veranstaltung zuvor schließlich noch nicht erlebt.
       
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