Sonntag, 20. November 2016

Die Friedensbewegung ist in die Jahre gekommen? Ein Bericht vom U35-Treffen der DFG-VK in Kassel


Junge Aktive der DFG-VK demonstrierten in der Innenstadt von Kassel gegen Atomwaffen.

"Der Ostermarsch scheint in die Jahre gekommen zu sein. Viele der bunt gekleideten Demonstranten haben graue Haare. Nur die Linken und einige andere beteiligte Gruppen haben eine Handvoll junger Leute mobilisiert.", beschreibt die Taz-Autorin Solvej Lüdke den Ostermarsch 2012 in Kiel, bei dem vor allen Dingen die brisanten U-Boot-Lieferungen aus Kiel für Israel thematisiert wurden. Dennoch gingen nur wenige - und vor allem ältere - Leute auf die Straße. Zwar mag die Aussage der Autorin im ersten Moment anmaßend wirken - und die Zeitung fällt auch so immer mal wieder wegen ihrer militärfreundlichen Berichterstattung sowie Bundeswehr-Werbeanzeigen auf -, wenngleich diese die aktuelle Situation der Friedensbewegung sehr treffend beschreibt.

Die Friedensbewegung ist in die Jahre gekommen und der so wichtige Nachwuchs bisher weitgehend ausgeblieben. Ein Problem, dass auch die Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) betrifft: Von den rund 3500 Mitgliedern sind gerade einmal 175 Personen im Alter von 35 Jahren oder jünger. Anlass genug in einen Dialog zu treten und Überlegungen anzustellen, wie sich die DFG-VK bzw. die gesamte Friedensbewegung verjüngen und breiter aufstellen kann.

Bereits vor ein einigen Monaten hatte der Bundesverband - der stellvertretende politische Geschäftsführer Michael Schulze von Glaßer (30) und der Inhaber der Stelle zum kommenden 125-Jahr DFG-Jubiläum, Thomas Mickan (32) - daher alle Mitglieder bis 35 Jahre zu einem Vernetzungstreffen nach Kassel eingeladen. Gefolgt sind dem am Ende rund 20 junge Leute im Alter von 19 bis 35 Jahren, die dafür aus den verschiedensten Ecken des Landes - von Kiel bis Augsburg, von Berlin bis Trier - nach Kassel reisten.
Am Freitagabend, den 04. November 2016, trudelten die Friedensaktivistinnen und -aktivisten nach und nach in den Räumlichkeiten der DFG-VK Kassel - die Gruppe besitzt ein eigenes, kleines Büro in der Stadt - ein. In lockerer Atmosphäre gab es ein erstes Kennenlernen, da sich die allermeisten aufgrund fehlender bundesweiter Vernetzung bisher nicht kannten. Fließend ging dies in eine Diskussion und einen Erfahrungsaustausch über die eigenen Aktivitäten in den Ortsgruppen, die regelmäßige Arbeit und auch die Altersstruktur des Verbandes über.
Dabei wurde schnell deutlich, dass vereinzelte Ortsgruppen nur noch formell auf dem Papier existieren, es teilweise an gut durchdachten, öffentlichkeitswirksamen Aktionen fehlt, der Altersdurchschnitt teils recht hoch ist, aber durchaus Offenheit für neue, "moderne" Friedensarbeit existiere.

Auch bei Aktionen gegen Bundeswehr-Werbung, über die bei dem Treffen in Kassel von vielen Aktiven berichtet wurde, ist eine gute Zusammenarbeit zwischen jungen und älteren DFG-VK-Mitgliedern wichtig. Und so ging es beim U35-Treffen nicht nur um die eigene Vernetzung, sondern auch darum, einen Generationendialog im Verband vorzubereiten, der im immer näher rückenden Jahr des 125-jährigen Jubiläums der DFG-VK 2017 geführt werden kann: Berichte älterer Mitglieder über erfolgreiche Großdemonstrationen wie die im Bonner Hofgarten in den 80er-Jahren und den Umgang mit Parteien wie der ehemaligen Friedenspartei "Die Grünen" sind wichtig, können auf junge Aktivistinnen und Aktivisten in der heutigen Zeit aber demotivierend wirken. Sie möchten ihre eigenen Erfahrungen machen, eindrucksvolle Aktionsformen verwirklichen und dabei auch moderne Medien nutzen. Um sich darüber auszutauschen war das Vernetzungstreffen eine ideale Gelegenheit.

Und so startete der Samstag in gemütlicher Frühstücksatmosphäre mit einem Einstiegsvortrag über die Tradition der DFG-VK und ihre bekannten Mitglieder wie Bertha von Suttner, Carl von Ossietzky und auch Kurt Tucholsky. Im Vortrag wurden zudem die schlechten Zeiten und Probleme des Verbands nicht verschwiegen - das heißt auch, aus der langen und durchaus von Erfolgen geprägten Verbandsgeschichte zu lernen und die Arbeit für den weltweiten Frieden fortzusetzen. Denn gerade jetzt - in Zeiten eines aufkommenden neuen Ost-West-Konflikts und dem Krieg in Syrien - ist eine friedliche Widerstandsbewegung gegen immer weiter eskalierende, sinnlose internationale Kriegseinsätze, steigende Rüstungsexporte und -ausgaben sowie zunehmend sich verschärfende Fluchtursachen wie Krieg, Hunger, Armut und die Folgen des menschengemachten Klimawandels gefragt.
Der Vortrag motivierte aber nicht nur zum Aktivwerden, sondern zeigte auch die Instrumente dazu: Die DFG-VK besitzt heute Strukturen, die nicht allen Mitgliedern bekannt sind. Daher wurde den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Kassel erklärt, was sie in ihrer Ortsgruppe machen können, welche Strukturen die Landesverbände haben, wie man Delegierte bzw. Delegierter auf Bundesebene werden kann und - ebenfalls wichtig -, wie Gelder für die eigene Friedensarbeit beantragt werden können. Dabei wurden viele Fragen der jungen Mitglieder beantwortet.

Danach ging es nach draußen: Die Kasseler DFG-VK-Gruppe hatte eine antimilitaristische Stadtrallye vorbereitet. In drei Gruppen ging es zu den verschiedenen Rüstungsunternehmen, Kriegs- und Friedensdenkmälern sowie anderen friedenspolitisch relevanten Orten in der Stadt. An den unterschiedlichen Standorten gab es dann jeweils kurze Informationen und anhand von Bildern, etwa von den vor Ort produzierten Panzern, wurde die Nähe zwischen deutschen Auslandseinsätzen, Waffenexporten und der lokalen Ebene verdeutlicht - etwas, das in mehr Städten gezeigt werden sollte. In Kassel sind es etwa die namhaften Rüstungskonzerne Rheinmetall, Krauss-Maffei Wegmann und der Daimler-Konzern, die mit ihren Produkten weltweit Konflikte anfeuern. Von außen waren viele der Unternehmen erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Auch hier zeigt sich wieder einmal, dass Kassel, wie viele andere Städte auch, fest in der Hand bekannter Rüstungskonzerne ist. Es gilt daher, derartige Konzerne zu enttarnen und ins öffentliche Licht zu rücken!

Nach zwei Stunden trafen sich die Gruppen in der Kasseler Innenstadt wieder. Dort sollten die zwei vom Bundesverband erstellten Aktionssets zu Kleinwaffen-Exporten und der Gefahr durch Atomwaffen zum Einsatz kommen. Der Nieselregen - am ganzen Wochenende gab es leider schlechtes Wetter - hörte langsam auf und die Sets, die auch gegen eine geringe Gebühr beim Materialversand der DFG-VK ausgeliehen werden können, wurden aufgebaut.
Auf dem zentral gelegenen Königsplatz liefen mit gelben Strahlenschutzanzügen und Atemschutzmasken ausgerüstete Aktivistinnen und Aktivisten um eine mit Radioaktiv-Schildern abgesperrte "kaputte Atombombe" herum. Damit sollte abermals an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erinnert, zugleich aber auch die etwa 20 in der Eifel (Büchel) lagernden US-Atombomben, für die deutsche Soldatinnen und Soldaten im Rahmen der nuklearen Teilhabe den Abwurf trainieren, zum Thema gemacht werden. Besonders eindrucksvoll war außerdem eine aufgestellte Karte, aus der hervorging, welche Vernichtungskraft die "Hiroshima-Bombe" bezogen auf Kassel und die umliegende Region hätte. Insbesondere dieser regionale Bezug gab vielen Menschen, mit denen die AktivistInnen ins Gespräch kamen, zu denken. Des Weiteren wurde wieder einmal deutlich, dass die Thematik Atomwaffen zu selten angesprochen wird und ein Teil der Bevölkerung nichts von der Existenz der hierzulande lagernden Atombomben weiß.

Nur wenige Hundert Meter entfernt war auf dem Opernplatz ein "Tatort" mit gelbem Flatterband deutlich sichtbar abgesperrt. Personen in Schutzanzügen untersuchten die dort befindlichen blutverschmierten Waffen sowie Leichenumrisse auf dem Boden. Was für eine Innenstadt glücklicherweise eine Ausnahme ist, stellt für unzählige Menschen weltweit eine große Gefahr dar: Durchschnittlich alle 13 Minuten wird ein Mensch durch eine Kleinwaffe vom deutschen Hersteller "Heckler & Koch" getötet. Berücksichtigt man die Waffen aller Hersteller liegt die Zahl sogar noch weit darüber. Glücklicherweise handelte es sich in diesem Fall nur um Kunstblut und Waffenattrappen. Auch hier wurden die Aktivistinnen und Aktivisten ihre Flyer schnell los, etliche Menschen blieben stehen und betrachteten die Aktion gegen Waffenexporte nachdenklich.

Etwas durchgefroren aber sehr zufrieden ging es nach der Aktion gemeinsam zum Essen und anschließend wieder ins lokale DFG-VK-Büro: Bei weiteren lockeren Gesprächen fand der Samstag bei Musik und Getränken spät in der Nacht seinen Ausklang - das U35-Treffen aber noch nicht.
Am Sonntag wurde das Wochenende ausgewertet und die künftige Vernetzung bzw. weitere Zusammenarbeit geplant. Es wurden Kontaktdaten ausgetauscht und ein gemeinsamer E-Mail-Verteiler eingerichtet. Um auch in Zukunft in Kontakt zu stehen. Alle äußerten darüber hinaus den Wunsch eines weiteren Treffens im Jahr 2017, bei dem es eine größere Aktion geben soll. Mit Unterstützung des Bundesverbandes, der durch die Übernahme der Kosten für das Treffen bereits die Ernsthaftigkeit des Versuchs, die jüngeren Mitglieder einzubinden, unterstrich, wird dies hoffentlich wieder möglich. Und vielleicht kommen dann sogar noch ein paar mehr junge Leute.

Mit diesem ersten Treffen wurde eine gute Grundlage geschaffen, jetzt heißt es: Dranbleiben, noch mehr (junge) Menschen für den Widerstand gegen Militär und Kriegseinsätze zu gewinnen und den Schulterschluss verschiedener Generationen der Friedensbewegung zu bewerkstelligen. Gelingt uns das, wird es für die Bundeswehr zunehmend schwieriger an Schulen, auf Jobmessen und generell im Alltag um Akzeptanz für ihre Kriegstreibereien zu werben. Machen wir den Militärs das Leben schwer!


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