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Protest im Wendland – Über 25.000 Menschen gegen den Castor-Transport

Einige Wochen im Voraus begannen die ersten organisatorischen Maßnahmen, damit die Großdemo und weitere Blockadeaktionen friedlich und reibungslos ablaufen können. Grund dafür war der geplante Castor-Transport, beladen mit hochradioaktivem Atommüll, von der Wiederaufbereitungsanlage La Hague zum möglichen Endlager in Gorleben.

Bereits am Mittwoch, 23.11.2011, war es dank des dichten Nebels mehreren hundert Demonstranten am Vormittag gelungen das Polizeiaufgebot zu umgehen und bis auf die Gleise vorzudringen. Auf der Gleisstrecke, die vom Castor-Zug in Richtung Wendland durchfahren werden sollte, wurden Schienen verbogen und Schotter entfernt. Ebenfalls deponierten die Demonstranten große Metallstücke und größere Steine auf den Gleisen.

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Die Fernsehbilder zeigen, dass die französische Polizei brutal mit Knüppeln und Gas gegen die Protestler vorging. Augenzeugen berichten außerdem davon, dass Blendgranaten eingesetzt wurden. Dabei wurden zehn Personen festgenommen, die nach einer Identitätsprüfung fast alle freigelassen wurden. Am Nachmittag setzten die französischen Atomkraftgegner ihre Blockade fort. Frankreichs Umweltministerin zeigte für diese Aktion kein Verständnis und kritisierte das Verhalten der Aktivisten scharf. „Wir schicken diesen Müll ins Ausland zurück. Wollen die Demonstranten, dass wir ihn behalten?“, soll sie gegenüber der Nachrichtenagentur afp gesagt haben. Neuartig ist allerdings der Protest vieler Franzosen, schließlich war Atomkraft in Frankreich stets geduldet worden.
Auf Grund einer Unterbrechung der Stromversorgung konnte der Castor-Zug nicht planmäßig um 14:36 Uhr den Bahnhof im nordfranzösischen Valognes verlassen. Später stellte sich heraus, dass ein gestifteter Brand in einem Trafohäuschen die Ursache dafür war.

Gegen 16:00 Uhr startete der Castor-Transport in Valognes. Mitglieder der BI Lüchow-Dannenberg kritisierten die Gewaltbereitschaft der französischen Polizei und forderten gleichzeitig mehr Zurückhaltung von den deutschen Polizisten. Immerhin wurden im letzten Jahr im Wendland 2.190 Kartuschen Pfefferspray versprüht.
Am Donnerstag gegen 8:00 Uhr traf der Zug in der Ortschaft Lérouville, Region Lothringen ein. Zu diesem Zeitpunkt waren es noch etwa 150 Kilometer bis zur deutschen Grenzen. Zuvor hatten etwa 500 Demonstranten versucht, den Zug bei der Abfahrt zu hindern. Dabei kam es erneut zu schweren Auseinandersetzungen, die Polizei drängte die Blockierer mit Tränengas und Schockgranaten zurück und ein Polizeiwagen ging in Flammen auf. Hierbei sollen insgesamt zwölf Personen festgenommen worden sein.

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Auch in Lüchow waren hunderte Schüler am Vormittag auf dem Rathausplatz zusammengekommen. Es herrschte beste Stimmung. CastorTvLive schätzte die Teilnehmerzahl auf 1400 Menschen, davon ein Großteil minderjähriger Schüler. Umso unverständlicher war deshalb die sehr hohe Präsenz der gepanzerten Einsatzkräfte der Polizei. Eine halbe Stunde später sprach sogar die Polizei von 2.000 Demonstranten, weil sich immer noch Menschen dem Demozug anschlossen.
Zur gleichen Zeit versammelten sich rund 150 Demonstranten, davon viele mit Strohsäcken für die geplante Blockade ausgestattet, vor dem Fußballplatz des SC Berg. Aus der Blockade wurde schließlich aber doch nichts: Der Castor-Transport stand weiterhin in Frankreich und sollte die Grenze erst am Freitag passieren. Die Blockade ist verschoben worden, die Demonstranten kündigten ihr erneutes Kommen für den nächsten Tag an. Dafür wurde extra ein Nachtlager eingerichtet.

Im Wendland schlossen bereits die ersten Geschäfte, langsam trafen zunehmend Demonstranten aus der ganzen Bundesrepublik ein. Jeder erhoffte sich eine friedliche und gewaltfreie Demonstration von beiden Seiten (Polizei und Demonstranten). Noch immer war unklar, welche Route der Castor-Transport nehmen wird. Gegen 17:00 Uhr setzten sich Laternenumzüge in Hitzacker und Suderburg in Bewegung. Laut Angaben der Polizei sind rund 20.000 Beamte für den Castor-Transport eingeplant gewesen.
Gegen 19:30 Uhr begann die Blockade der Bundesstraße 216. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen teils Vermummten und der Polizei, zum ersten Mal kam ein Wasserwerfer zum Einsatz. Mehrere Böller und eine Nebelkerze wurden gezündet. Die Polizei ging mit Pfefferspray und Schlagstöcken gegen die Atomkraftgegner vor, die Folge waren einige Verletzte. Etwa eine Dreiviertelstunde später ist die B216 durch Wasserwerfer geräumt worden.
Dennoch wirkte die Lage bis dahin sehr gelassen, eine Punkrock-Band spielte auf dem Streetzer Kreisel zwischen Dannenberg und Metzingen für rund 25 Leute und selbst die Polizei schaute gelassen zu.
Am Freitag gegen 8:30 Uhr gab Greenpeace bekannt, dass der Castor-Transport die deutsche Grenze bei Forbach überquerte. Rund eine Stunde später begannen die ersten Demonstranten, sich nach einer kalten Nacht auf die Beine zu machen. Alle waren bis zu diesem Punkt mehr als zuversichtlich. Einige Aktivisten bereiteten weitere Protestaktionen vor, ehe das Sitzblockade-Training von x-tausendmalquer im Camp Gedelitz begann. Jetzt wurde bekannt, dass der Zug die deutsche Grenze überquert hat, in Neunkirchen einen Zwischenstopp einlegt und von weiteren Protesten begleitet wird. Kurz vor Neuenkirchen musste der Transport stoppen, da sich Menschen auf die Gleise gesetzt haben. Gegen 11:45 Uhr wurde auf einer Pressekonferenz in Dannenberg bekannt gegeben, dass sich bereits 2.000 Demonstranten im Wendland eingefunden haben. Besonders Neulinge nahmen an der Rallye teil, bei der bestimmte Punkte im Wald gefunden werden sollten – eine Hilfe, um sich später besser orientieren zu können.
Am frühen Nachmittag wurde gemeldet, dass das Camp Hitzacker bereits so gut wie voll ist. Weggeschickt wird aber grundsätzlich niemand. Kurz darauf vermeldete die Polizei, dass in Leitstade und Tollendorf je ein Streifenwagen angezündet wurde. Auch beim Bahnübergang Grünhagen wurde ein Polizeiwagen durch einen Molotowcocktail beschädigt. Durchaus unnötige Aktionen!

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Demonstranten zogen durch den Wald und errichteten unzählige bis zu einem Meter hohe Barrikaden. In Speyer hatten etwa 200 Menschen auf dem Domplatz an einer Kundgebung gegen den Castor-Transport teilgenommen.
Kurz nach 16:00 Uhr wurde bekannt, dass der Zug nach einem fünfstündigen Stopp Neunkirchen verlassen hat. Währenddessen befanden sich ca. 150 Menschen auf den Gleisen bei Haßloch. Gegen 17:30 Uhr versuchte die Polizei die Gleise bei Haßloch zu räumen, was sich als eher schwierig herausstellte, weil die Lage unübersichtlich war und einige Demonstranten es erneut auf die Gleise schafften. Es kam zu heftigen Rangeleien und die Südblockierer blieben weiterhin standhaft. Gegen 19:00 Uhr wurde vermeldet, dass die Polizei erfolgreich die Gleise räumen konnte.
Die Aktionscamps waren jetzt alle belegt, teilweise sollten am Samstag noch Demonstranten eintreffen und einen Platz in den Camps beziehen. Leute versammelten sich um Lagerfeuer, tanzten und machten Musik – von Aufbruchstimmung war zu diesem Zeitpunkt nicht viel zu spüren. Der Castor-Transport erreichte um ca. 22:30 Uhr Bürstadt in Hessen.
Am Samstag gegen 2:00 Uhr wurden die Kletterer der „Gruppe Fuldatalsperre“ aus dem Bäumen geholt, nachdem sie eine Protestaktion an der Bahnstrecke in Marbach bei Fulda vorbereitet hatten. Sie wurden von der Polizei allerdings zu schnell entdeckt und blieben erfolglos. Etwas später passierte der Zug schließlich Marbach hielt in Hünfeld, wo der Transport gegen 4:30 Uhr wieder losfuhr.
Im Wendland rechnete man unterdessen mit ca. 150 Bussen aus ganz Deutschland, die Menschen zur geplanten Großdemo am Samstag in Dannenberg bringen sollten. Gegen 7:00 Uhr waren bereits rund 100 Demonstranten südlich von Göttingen dabei, die Gleise zu stürmen. Einige wurden in Gewahrsam genommen. 45 Minuten später standen sich Polizei und Demonstranten immer noch gegenüber. Um 8:20 Uhr kam die Meldung rein, dass die Polizei die Gleise räumen konnte und die Demonstranten in den Wald getrieben wurden.

Auch im Wendland waren seid 8:00 Uhr bereits viele Demonstranten auf den Beinen, sie bereiteten sich auf die kommenden Aktionen vor. Um 9:00 Uhr kam der Castor-Transport zwischen Neu-Eichenberg und Hebenshausen zum Stehen, eher er 15 Minuten später weiter fahren konnte. Südwestlich von Dahlem zogen rund 250 Schotteraktivisten über ein Feld in einen Wald. Mehrere hundert Menschen machten sich zur gleichen Zeit von Metzingen in Richtung Hitzacker auf. Etwas später wurde das Polizeiaufgebot so groß, dass die Aktivisten südwestlich von Dahlem keine Chance hatten, zu den Gleisen zu gelangen. Gegen 11:00 Uhr passierte der Zug problemlos Hannover.
Eine Stunde später konnten Aktivisten eine Polizeisperre im Wald bei Tollendorf/Metzingen erfolgreich umgehen. Jetzt setzte die Polizei Schlagstöcke ein, um wieder Kontrolle über die Demonstranten zu bekommen. Gegen 13:00 machten sich zwischen Grünhagen und Leitstade etwa 500 Schotterer auf den Weg zu den Schienen. Kurz darauf flogen Böller, Stöcke und Steine, ehe die 500 Menschen in den Wald getrieben wurden.

In den frühen Morgenstunden fuhren etwa 150 Busse aus ganz Deutschland in Richtung Dannenberg, um an der geplanten Großdemo teilnehmen zu können. Auch in Kiel versammelten sich rund 100 Demonstranten (unter anderem aus Eckernförde, Rendsburg und Kiel). Die beiden Busse fuhren gegen 8:20 Uhr vom Wilhelmplatz Richtung Wendland ab. Es wurden Gespräche geführt, Infomaterial verteilt und alle zeigten sich zuversichtlich, dass diese Demo ein Umdenken in der Politik schaffen wird. Wir, also die Kieler Aktivisten, nahmen gegen 12:15 Uhr an der Auftaktkundgebung „Arbeit und Leben“ teil, wo der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mehrfach versuchte klar zu machen, dass sich auch der DGB entschieden gegen Atomkraft und das Endlager Gorleben ausspricht. Von dort aus setzte sich der Demozug gegen 12:40 Uhr in Richtung Kundgebungsgelände in Bewegung. Vereinzelt riefen Aktivisten „Abschalten!“, aber irgendwie wollte sich kaum jemand daran beteiligen.
Um ca. 14:00 Uhr war dann über die Hälfte des Geländes belegt, nach Angaben der Organisatoren etwa 23.000 Menschen (die Polizei zählte lachhafte 8.000 Menschen). Es wurde Musik gespielt, zahlreiche Redebeiträge waren zu hören und auch die Teilnehmer waren in bester Laune – einige tanzten und viele spendeten den Rednern Beifall. Es waren unter anderem bewegende Redebeiträge von Fukushima-Zeugen, von Hubert Weiger (BUND) und Jochen Stay (.ausgestrahlt) zu hören. Man zeigte sich zufrieden mit der Großdemo, obwohl rund 25.000 Teilnehmer weniger als erhofft dabei waren. Gorleben ist eben kein sicheres Endlager und die neun verbleibenden Atomkraftwerke können weitere 11 Jahre radioaktiven Müll produzieren und stellen dauerhaft tickende Zeitbomben dar. Gegen 17:00 Uhr machten sich auch die zwei Kieler Busse auf den Heimweg, um gegen 20:40 Uhr zurück zu sein. Wir dürfen mit der Beteiligung in Kiel und der Großdemo sehr zufrieden sein; hoffentlich wird das unser letzter Besuch im Wendland sein!

Während der Großdemo machten sich um 14:00 Uhr rund 1.000 Demonstranten von Hitzacker zur Sitzblockade auf. Etwa eine Stunde später hatte der Transport seine Fahrt in Richtung Verden fortgesetzt. Die Zahl der Blockierer war auf etwa 2.000 Demonstranten angestiegen, man zeigte sich in bester Laune und feierte den eroberten Streckenabschnitt bei Harlingen. Gegen 16:00 Uhr passierte der Castorzug Langwedel. Die Blockade zog sich später über ganze 3 Kilometer hin. Etwa zweieinhalb Stunden später stoppte der Zug in Maschen südlich von Hamburg, von wo aus es weiter nach Lüneburg ging. Weiterhin reihten sich Menschen in die Sitzblockade ein, die dann sogar ca. 2.500 Menschen zählte. Eine Sprecherin der Aktion WiderSetzen machte deutlich, dass diese Blockade vollkommen gewaltfrei ablaufen sollte.
Um 19:00 Uhr gab Greenpeace bekannt, dass sich sieben ihrer Aktivisten an den Gleisen zwischen Lüneburg und Dannenberg festgemacht hatten. Gegen 22:00 Uhr wurde dann ein Instandsetzungszug der Bahn angefordert, weil die Polizei in Erwägung zog, die Schienen vor oder hinter den Aktivisten zu durchtrennen und diese dann entfernen zu können. Etwa eine Stunde später begannen Polizei und Bahntechniker die erste Schiene zu durchtrennen. Zur gleichen Zeit liefen weiterhin die Sitzblockade bei Harlingen mit über 2.500 Teilnehmern und verschiedene Straßenblockaden friedlich ab. Gegen 0:25 Uhr konnten schließlich alle Greenpeace-Aktivisten von den Gleisen entfernt werden.

Wie es am Sonntag und Montag weiter ging/ weiter gehen wird, kann im Taz-Ticker nachgelesen werden.

Quellen für die Zusammenfassung: Taz-Ticker, eigene Teilnahme an der Großdemo

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1 Kommentar

  • Kommentieren
    Christian
    28. November 2011 um 17:08

    Hey Thorge, vielen Dank für den super Bericht und die vielen Fotos! Viele Grüße & hoffentlich bist Du gut nach Hause gekommen! Christian

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