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Katastrophe in der Textilindustrie: Endlich weltweit einheitliche Standards schaffen!

Im September 2012 starben fast 300 Menschen bei einem Brand in einer pakistanischen Textilfabrik, zwei Monate später kam es zu einem verheerenden Brand in einem Fabrikgebäude am Rand von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, und jetzt mehr als 1100 Tote nach dem Einsturz des Hochhauses im Rana Plaza, natürlich ebenfalls in Bangladesch.[1-3] Von den ganzen weiteren Vorfällen in der Textilindustrie, über die die Medien nicht berichten, mal ganz abgesehen. Die aktuelle Katastrophe ist also gewiss kein Einzelfall und die Missstände in der weltweiten Textilindustrie sind schon lange bekannt. Nach jedem Brand, jedem eingestürzten Fabrikgebäude oder dem Bekanntwerden von sexuellen und gewalttätigen Übergriffen gegenüber NäherInnen mussten namhafte Textilhersteller Fehler einräumen, sprachen ihr Mitgefühl aus und gelobten Verbesserungen. Doch von diesen Verbesserungen ist bislang nichts ernsthaft zu merken, sondern fährt die globale Textilbranche weiter ihren ausbeuterischen Kurs, mit dem sie tagtäglich zahlreiche Menschenleben auf dem Gewissen hat und Familien bewusst in Armut hält.
Die Arbeitsbedingungen in bengalischen Textilfabriken sind berüchtigt und bieten eine ideale Ausgangslage für internationale Textilkonzerne, die dort fertigen lassen. 30 und 50 Euro sind monatlich als Mindestlohn für ungelernte HelferInnen bzw. gelernte NäherInnen vorgesehen. Zumeist Frauen sind beschäftigt und auf etliche Überstunden angewiesen, weil der vermeintliche Mindestlohn ansonsten nicht zum Leben ausreichen würde. ArbeiterInnen aus den Fabriken im Rana Plaza berichten von bis zu 150 zusätzlichen monatlichen Überstunden, Schikane ihrer Vorgesetzten und maximal zwei freien Tagen im Monat. Hinzu kommen wachsweiche Bau- und Brandschutzstandards, zumal das Rana Plaza offenbar illegal errichtet wurde und sowohl Behörden als auch eingemietete Fabrikbesitzer dieses Faktum verkannten.[4] In Kombination dieser Missstände sind solche Katastrophen quasi vorprogrammiert. Nichtsdestotrotz beschränkt sich diese Problematik nicht nur auf Bangladesch, sondern ist die Ausbeutung in der Textilindustrie ein globales Problem, von dem beispielsweise auch Pakistan, El Salvador und Indonesien betroffen sind. Schließlich werden auch dort vergleichbare Hungerlöhne gezahlt, ArbeiterInnen auf die gleiche Weise schikaniert und Gewerkschaften bewusst verhindert.[5]

Doch langsam tut sich etwas in der Textilbranche, weil spätestens seit der jetzigen Katastrophe der Druck auf die Hersteller gewachsen ist. Sie können eine vierstellige Anzahl toter ArbeiterInnen sowie etliche verletzte Menschen nicht einfach damit abtun, dass sie ihr Mitgefühl aussprechen und Verbesserungen für die Zukunft versprechen. Das sind – das beweist die Vergangenheit nur zu gut – lediglich hohle Phrasen. Deshalb haben nun mehr als 30 Firmen ein verbindliches Brand- und Gebäudeschutzabkommen unterzeichnet, darunter Unternehmen wie beispielsweise H&M, Kik, Inditex, C&A, Primark, Aldi, Zara, Benetton, Rewe, Lidl und Otto. Seit Jahren hat die Kampagne für saubere Kleidung bereits für dieses Abkommen geworben und nichts ist passiert. Bis vor der kürzlich ereigneten Katastrophe waren nur PVH (Calvin Klein, Tommy Hilfiger) und Tchibo beigetreten. Es ist beschämend, dass erst unzählige Menschen ausgebeutet und umgebracht werden, ehe namhafte Konzerne ein simples Abkommen unterzeichnen. Aber das beweist, dass der Druck der Öffentlichkeit immer größer und die VerbraucherInnen zunehmend kritischer werden.
In dem Abkommen, für das jahrelang vergeblich bei den Unternehmen geworben wurde, geht es konkret um verpflichtende Renovierungen und Reparaturen, unabhängige Sicherheitsinspektionen, sowie um die Option, Geschäftsbeziehungen mit Fabriken zu beenden, wenn von diesen notwendige Sicherheitsmaßnahmen abgelehnt werden. Des Weiteren beinhaltet das Abkommen eine Verpflichtung, durch die ein Teil der Kosten für die Instandhaltung ihrer Zulieferbetriebe von den entsprechenden Markenherstellern getragen werden muss. So soll zusätzlich eine höhere Sicherheit am Arbeitsplatz gewährleistet werden. Bei diesem Abkommen handelt es sich um ein verbindliches und transparentes Regelwerk, ist allerdings nur für Bangladesch gültig.[6]

Doch damit ist noch lange nichts erreicht, immerhin muss nun für eine ernsthafte Implementierung dieser Regeln und unabhängige Überprüfungen gesorgt werden. Schließlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch die unterzeichnenden Unternehmen nach gewissen Schlupflöchern im Abkommen suchen und diese konsequent zu nutzen wissen. Dennoch ist dieser Schritt ein kleiner Schritt, der Symbolcharakter hat und abermals zeigt, was öffentlicher Druck und KonsumentInnenverhalten für Auswirkungen haben können. Aber an dieser Stellen darf es nicht stehen bleiben, weil auch diese Vereinbarungen nicht alle Probleme lösen können. Vielmehr bedarf es einheitlicher internationaler Auflagen, die in allen Ländern gleichermaßen verpflichtend sind. Das aktuelle Abkommen bezieht sich lediglich auf Bangladesch und hat auf andere Produktionsstandorte keinen Einfluss. Bleibt die bengalische Regierung bei ihrem Versprechen und hebt die Mindestlöhne an, wird die Branche einfach weiterziehen, in das nächste, billigere Land.

Es sind somit international gültige Standards notwendig, damit die Konzerne nicht einfach von Land zu Land wechseln können, um die dortigen ArbeiterInnen unter größtmöglicher Profitmaximierung ausquetschen zu können. Aber auch die VerbraucherInnen sind hier gefragt, immerhin können sie durch ihr persönliches Konsumverhalten ganz entscheidend mitbestimmen, wie die Konzerne zukünftig produzieren lassen. KundInnen müssen gerade jetzt sehr kritisch hinterfragen, woher ihre Kleidung stammt und wer wie daran verdient. Auch der Boykott großer Markenfirmen wäre ein wichtiger Schritt, mit dem Hersteller auf effektivste Weise zum Handeln bewegt werden könnten. Es reicht also nicht, dass wir uns auf Regierungen und irgendwelche Abkommen, deren Wirksamkeit noch anzuzweifeln bleibt, ausruhen. Es müssen endlich ernsthafte Konsequenzen aus dieser Katastrophe gezogen werden. Und zwar von Regierungen, Konzernen und KonsumentInnen gleichermaßen. Solange weltweit keine einheitlichen Standards gelten und wir weiterhin bei den bekannten Textilkonzernen einkaufen, wird die Katastrophe im Rana Plaza nicht die letzte sein, bei der wir Leichen zählen und uns die gespielte Trauer der Konzernpressesprecher anhören müssen.

Bildquelle Artikelbild oben: „Sweatshop project“ von marissaorton unter der Lizenz CC BY-SA 2.0 via Flickr

Quellen:
[1] Brand in pakistanischer Fabrik: Kik zahlt 1930 Dollar für ein Menschenleben – Spiegel online (21.05.2013 22:23)
[2] Mehr als 100 Tote bei Feuer in Textilfabrik – Zeit online (21.05.2013 22:27)
[3] Stoff für Geschichten des Wandels – taz.de (21.05.2013 22:29)
[4] siehe [3]
[5] Indonesische TextilarbeiterInnen – zwischen Ausbeutung und Widerstand! (21.05.2013 22:46)
[6] Modehäuser wollen Bangladeschs Arbeiter besser schützen – sueddeutsche.de (21.05.2013 23:03)

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2 Kommentare

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    Vanessa - ÖkoLife
    23. Mai 2013 um 9:23

    sehr schöner artikel, leider wahr. man kauft sich einfach 2 saison-teile, die man nächstes jahr nicht mehr trägt statt ein gutes, langlebiges basic. der kunde hat auch viel in der hand, aber er will wohl nichts ändern, denn diese zustände sind wirklich kein geheimnis mehr

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    Thorge Ott
    25. Mai 2013 um 6:47

    Hallo Vanessa,
    vielen Dank für deinen Kommentar.
    Das mit der zeitlosen Kleidung hast du vollkommen richtig erkannt, wird aber mehrheitlich von der Gesellschaft nicht praktiziert. Man muss nur durch ein paar Kleidungsgeschäfte gehen und wird etliche Textilien finden, bei denen man unter Garantie vorhersehen kann, dass sie nach einer Saison in der hintersten Ecke des Kleiderschranks landen und direkt bei der nächsten Kollektion erneut zugeschlagen wird. Das ist ein echt trauriger Trend.

    Nach all den Katastrophen, über die Medien vollkommen umfassend berichtet haben, müsste es längst viel mehr Leuten klar werden: Eine solche Form des Kleidungskonsums können wir uns nicht mehr leisten, denn er geht zu Lasten von Umwelt und anderen Menschen.

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