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Ich bin gerne ein militanter Veganer!

Vegane Aktivistin zeigt ein Protestschild und macht vor Fleischfabrik auf Tierleid aufmerksam

Ich habe irgendwann aufgehört, nachzuzählen, wie oft ich in über neun Jahren, die ich inzwischen schon vegan lebe, als militant und intolerant bezeichnet wurde. Selbst als ich vor über zwölf Jahren mit vegetarischer Ernährung anfing, fühlten sich Menschen von mir angegriffen und machten mir solche Vorwürfe. Damals hat es mich echt verärgert, verletzt und verständnislos zurückgelassen. Heute sehe ich solche Bezeichnungen als Kompliment an und bin aus voller Überzeugung ein militanter Veganer!

Man mag dabei zuerst an Veganer:innen denken, die gewaltbereit handeln und zum Beispiel bei einer Metzgerei die Scheiben einwerfen. Gerne werden solche Einzelfälle als Beweis à la „Seht ihr, ich habe es doch schon immer gesagt: Die sind alle militant!“ angeführt. Gewalt generell und als Mittel der politischen Auseinandersetzung ist abzulehnen und ich bin mir sicher, dass das die absolute Mehrheit der vegan lebenden Menschen auch so sieht. Bitte macht also eine kleine Minderheit nicht zu einem falschen Gesamtbild des Veganismus.
Aber vermutlich werden die meisten Fleischesser:innen bzw. omnivor lebenden Menschen unter „militanten Veganer:innen“ ohnehin etwas anderes verstehen: Belehrende, ständig ermahnende, anklagende Spaßbremsen und Miesmacher:innen. Ja, klar, wir haben jegliche Lebensfreude verloren, müssen uns wirklich über alles aufregen und können das Leben ja überhaupt nicht mehr genießen, weil wir durch unsere vegane Ernährung ohnehin schon auf soo viele Dinge verzichten müssen. Schon klar.

Dabei sind all diese Behauptungen einfach nur nervig, haltlos und komplett aus der Zeit gefallen. Fangt doch endlich an, einzusehen, dass die vegane Ernährung für Tierrechte, das Klima und die Linderung von weltweitem Hunger nur Vorteile bringt – statt uns bei Partys, Familienfeiern oder am Arbeitsplatz in der Mittagspause mit Stammtischparolen und dümmlichen Pseudo-Weisheiten auf die Nerven zu gehen. Oft genug habe ich schon erlebt, dass sich wildfremde Menschen auf einer Party sofort getriggert fühlten, sobald irgendwie deutlich wurde, dass ich vegan lebe (und sei es nur durch einen Blick auf meinen Teller). Ich bin also nie bei Partys mit einem T-Shirt mit Vegan-Statement herumgelaufen, habe auch niemandem dort unter die Nase gerieben, wie toll ich eine pflanzliche Lebensweise finde und bin auch nicht auf die Idee gekommen, den anwesenden Personen das ach so toll gegrillte Steak schlecht zu reden. Aber genau so ein Verhalten wird immer als Klischee hervorgeholt. Weil man es wohl gerne so hätte, dass wir uns so verhalten. Dabei will ich genau bei solchen Anlässen nicht über meine Ernährung reden (oder zumindest nur, wenn echtes Interesse besteht) und schlichtweg in Ruhe gelassen werden.

Viel mehr fühlen sich die Leute getriggert, weil sie in solchen Momenten indirekt damit konfrontiert werden, dass ihre Ernährungsweise falsch ist und negative Auswirkungen für den Planeten hat. Da hilft es dann auch nicht, wenn Onkel Norbert beim Familienessen etwas von „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“ sinniert und sein bestelltes Schnitzel damit rechtfertigt, dass Fleischkonsum schließlich normal und natürlich sei. Das ist es nur, weil die Gesellschaft seit Ewigkeiten genau das so sieht und keine Alternativen zulässt. Nur weil etwas schon immer so war, heißt das noch lange nicht, dass es jemals gerechtfertigt war – schon gar nicht in der heutigen so zivilisierten und aufgeklärten Gesellschaft. Gerne wird dann auch ein „Ich esse nur gutes Fleisch vom Metzger nebenan“ angefügt, um das eigene Gewissen endgültig zu beruhigen. Aber genau das ist reiner Selbstbetrug: Nicht ohne Grund schließen immer mehr dieser angeblich so beliebten kleinen Läden und zugleich legt sich Onkel Norbert am Ende doch wieder gedankenlos das billige Fleisch vom Discounter in den Einkaufswagen.

Bei solchen Debatten werden die Leute dann auch gerne zu wahren Expert:innen und wissen plötzlich ganz genau, dass eine Kuh gerne Milch gibt, sogenannte Nutztiere ohnehin keine Gefühle haben oder halt nur für diesen Zweck existieren. Wer hier tatsächlich keine Gefühle hat, dürfte offensichtlich sein. Insbesondere ach so stolze, waschechte Männer wollen einem dann am Grill beweisen, wie man es so richtig macht. Nur weil man sich das riesige XXL-Steak auf den Grill gepackt hat, macht einen das kein Stück männlicher. Ohnehin ist dieses Geschlechterklischee von Männern und Fleisch komplett aus der Zeit gefallen. Herzlich willkommen im 21. Jahrhundert!

Und als wäre das alles noch nicht unangenehm genug, habe ich selbst miterlebt, wie mich damalige Arbeitskolleg:innen in der gemeinsamen Mittagspause mitleidig fragten, ob ich Fleisch denn nicht doch irgendwie vermissen würde – während sie mit einer Bockwurst unter meiner Nase herumwedelten. Oder sie fragten mich immer und immer wieder, ob ich zur Mittagspause nicht einfach draußen grasen möchte. So sieht gelebte Toleranz aus.

Wir vegan lebenden Menschen sind also militant und intolerant, weil wir Tierleid verhindern und diese Erde retten wollen? Wir setzen uns mit logischen Argumenten für eine Veränderung ein und machen uns für etwas stark, was eigentlich längst selbstverständlich sein sollte. Definiert man also Militanz so, dass damit eine Person mit einer deutlich verfestigten Meinung und Überzeugung gemeint ist, bin ich von ganzem Herzen ein militanter Veganer – bis das letzte Schlachthaus geschlossen, der letzte Käfig geöffnet und der letzte Zoo dicht gemacht ist. Veganer:innen stehen mit Nachdruck für eine gute und wichtige Sache ein.

Gemeinhin wird aber die allgemein gebräuchlichere Definition von Militanz heranzogen: Aggressives Verhalten und Gewaltbereitschaft. Und spätestens hier wird doch deutlich, wie absurd dann die Rede von „militanten Veganer:innen“ ist. Vegan lebende Menschen wollen schließlich Tiere vor Ausbeutung, Qual und Tötung schützen – also das komplette Gegenteil von Aggression und Gewalt. Omnivore Personen hingegen essen Fleisch von getöteten Tieren und Eier aus Käfighaltung, trinken Milch von künstlich befruchteten Kühen, tragen Daunenjacken mit Federn von lebend gerupften Gänsen, erfreuen sich an widernatürlichen Kunststücken von Löwen im Zirkus und bestaunen durch eine Glasscheibe einen Eisbären in einem viel zu kleinen Becken fernab des natürlichen Lebensraums. Von Massentierhaltung, Hygieneskandalen bei tierischen Produkten und der Ausbeutung von Arbeiter:innen in den Schlachtbetrieben mal ganz abgesehen. Auch für Biofleisch sterben unschuldige Lebewesen.

Damit zeigt sich eindeutig, wer hier tatsächlich im negativen Sinne militant und intolerant ist. Als vegan lebender Mensch muss ich hingegen ganz gewiss nicht tolerieren, dass Menschen Tiere essen und ausbeuten.
Es kostet also Überwindung, aus Jahrzehnten antrainierten Denk- und Lebensweisen auszubrechen. Dabei bringt ein solcher gesellschaftlicher Wandel hin zu einer veganen Lebensweise viele Vorteile mit sich und ist angesichts der sich immer weiter zuspitzenden Klimaerwärmung dringender denn je. Lasst uns also alle zu militanten Veganer:innen werden – und gewaltfrei für Mensch, Tier und Umwelt einstehen!

Bildquelle Artikelbild oben: „DSCF1267“ von Marco Molitor unter der Lizenz CC BY-NC 2.0 via Flickr

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