Sonntag, 11. Juni 2017

Tag der Bundeswehr in Plön: Stumpfe Militärpropaganda gegen das schlechte Image und freier Einlass für Neonazis


Protest gegen den Tag der Bundeswehr in Plön

Rechtsextremismus, NS-Devotionalien, Missbrauchsfälle - die Bundeswehr hat ein massives Imageproblem. Und zudem große Nachwuchssorgen. Beim diesjährigen "Tag der Bundeswehr" am 10.06.2017 präsentierte sich die Bundeswehr unter dem Motto "Willkommen Neugier" erneut bürgernah und als wichtigen Arbeitgeber und Teil unserer Gesellschaft. Für Skandale interessierte sich anscheinend kaum jemand.

Bereits am frühen Vormittag näherten sich die ersten Besucherinnen und Besucher der im schleswig-holsteinischen Plön gelegenen Marineunteroffizierschule. Nachdem sich die Bundeswehr im Norden in den vergangenen zwei Jahren bereits in der Marineschule Flensburg, im Marinestützpunkt Eckernförde und Fliegerhorst Hohn bei Rendsburg einseitig positiv präsentierte, sollte diese Geschichte in Plön ähnlich verlaufen.
Bereits aus der Ferne waren die direkt vor dem Eingang positionierten Friedensaktivistinnen und -aktivsten zu erkennen. Sie forderten auf Transparenten unter anderem die Abschaffung der Bundeswehr sowie ein Ende sämtlicher Rüstungsexporte. Zudem verteilten sie entsprechende Flugblätter an die vorbeilaufenden Besucher*innen.

Kurze Zeit später rollten auch schon die ersten Busse, die aus verschiedenen Regionen die Leute auf das Gelände brachten, an. Auffällig war dabei, dass nicht ansatzweise alle Plätze belegt waren. Und das änderte sich auch zu späterer Zeit nicht. Offensichtlich hielt sich der Andrang in Grenzen, wenngleich die Bundeswehr gleichzeitig an 16 verschiedenen Standorten bundesweit präsent war. Selbst wenn die Bundeswehr am Ende von rund 5500 Menschen in Plön sprach und das als Erfolg zu verkaufen versuchte, ist eine solche Zahl nur nebensächlich.
Der Bundeswehr geht es grundsätzlich um viel mehr: Der Tag der Bundeswehr soll langfristig als gesellschaftlich akzeptiertes Event mit klarem Volksfestcharakter etabliert werden. Damit soll das Militär noch weiter in die Mitte der Gesellschaft gerückt werden. Gerade in der heutigen Zeit, wo das Militär mit einem massiven Nachwuchsproblem zu kämpfen hat, wird die Werbetrommel fleißig gerührt. Unzählige Millionen fließen schon heute in die Nachwuchswerbung, um an Schulen, bei Jobmessen, im Internet oder eben beim Tag der Bundeswehr junge Menschen mit falschen Versprechungen und vermeintlich guten Arbeitsplätzen für den Dienst an der Waffe zu rekrutieren. Geworben wird dabei gerne mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, individuellen Karrieremöglichkeiten, einer hohen Ausbildungsvergütung, familienfreundlichen Rahmenbedingungen und dem Versprechen sicherer Arbeitsplätze. Besonders auffällig war an diesem Tag die hohe Zahl an Eltern, die mit ihren Kindern die Veranstaltung in Plön besuchten. Es ist in keiner Weise zu rechtfertigen, dass Eltern ihren Kindern derart sorglos die Bundeswehr präsentieren und den teils noch orientierungslosen Kindern und Jugendlichen damit vorgaukeln, das Militär sei ein ganz normaler Arbeitgeber und Teil der Gesellschaft.

Auf dem Gelände der Marineunteroffizierschule gab es neben den obligatorischen Imbissbuden ein umfangreiches Kinderprogramm, verschiedene Tanz- und Musikeinlagen, Beachvollyball, etliche Kriegsmaschinen aus erster Nähe, auf denen auch Kinder herumklettern durften, und verschiedene inszenierte Militäreinsätze wie beispielsweise die "Verwundeten-Versorgung 'unter Feuer'". Dabei war alles total unkritisch: Nirgendwo wurden Auslandseinsätze und deren Folgen für Mensch und Umwelt thematisiert, zu rechtsextremen Umtrieben und Missbrauchsfällen wurde selbstverständlich auch geschwiegen. Das passt schließlich nicht in das ohnehin ramponierte Bild der Bundeswehr und würde einer solchen Veranstaltung auch gleich ein ganz anderes Gesicht verleihen. Es wäre aber zumindest ehrlich.

Auch auf Nachfrage hin wollten die Besucher*innen von diesen Skandalen nichts wissen und betonten lieber, wie wichtig militärisches Engagement für "unsere" Freiheit, Sicherheit und Werte doch sei.
Dabei ist die Bundeswehr eine Armee im Einsatz, die primär für die Absicherung von Handelswegen und geostrategischen Interessen, die mit kriegerischen Interventionen gesichert werden sollen, eingesetzt wird. Der Bau von Schulen und Brunnen in Krisengebieten, die Rettung von Geflüchteten und der weltweite Einsatz für "unsere Sicherheit" sind fadenscheinige Argumente, die die Bundeswehr abermals als wichtige Instanz und die damit verbundenen Auslandseinsätze legitimieren sollen. In unseren Köpfen soll ankommen, dass die Bundeswehr für den Frieden in der Welt kämpft. Dabei sollte doch hinlänglich bekannt sein, dass Militäreinsätze, bei denen zunehmend auch Drohnen zum Einsatz kommen, stets nur noch mehr Hass und Gegengewalt erzeugen. Noch immer sorgen kapitalistische und imperialistische Großmächte für mehr und mehr Krieg und Elend in der Welt. Syrien, Irak, Mali, Afghanistan, Jemen oder das Horn von Afrika - die Zahl der militärischen Einsätze ist lang.

Im von den Friedensaktivist*innen verteilten Flugblatt kritisieren sie, dass der Bundeswehrhaushalt innerhalb eines Jahres von 34 auf nun 37 Milliarden Euro um rund 8 Prozent gestiegen ist. 37 Milliarden Euro entsprechen fast 500 Euro pro Bundesbürger*in.[1] Das Geld wird händeringend für Investitionen in Bildung, medizinische Versorgung, soziale Absicherung, nachhaltige Entwicklung, kulturelle Projekte und eine wirklich funktionierende Entwicklungshilfe benötigt - hierzulande wie auch international. Weltweit sind immer mehr Menschen auf der Flucht vor Hunger, Krieg, Verfolgung (z.B. aufgrund ihrer Sexualität, Nationalität oder ihres Glaubens) oder den Folgen des Klimawandels, während etliche Länder Jahr für Jahr ihre Ausgaben für Militär und Rüstung erhöhen und ein Ende der Rüstungsspirale nicht zu erkennen ist. Kaum auszumalen, wie sich die Situation zuspitzen würde, wenn die NATO-Mitgliedsstaaten das angedachte Zwei-Prozent-Ziel wirklich einhalten.

Dass rechtsextermes Gedankengut und das Glorifizieren von Nationalsozialismus und Wehrmacht innerhalb der Bundeswehr aufgrund von geplanten Kasernendurchsuchungen vollständig aufgeklärt oder gar bekämpft werden kann, ist ein Irrtum. Derartige Durchsuchungen zeigen abermals, dass einem seit Ewigkeiten bekannten Problem nie ausreichend Beachtung geschenkt wurde. Wäre der Fall um den Offizier Franco A., der sich als syrischer Geflüchteter ausgegeben hatte und zusammen mit einem weiteren Bundeswehrsoldaten im Verdacht steht, einen fremdenfeindlichen Anschlag zu begehen, nicht aufgeflogen, wäre es auch nie zu Kasernendurchsuchungen gekommen. Es besteht weder von Seiten der Politik noch von der Bundeswehr ein ernsthaftes Interesse an echter Aufklärung. Dabei sollen mehr als 400 Devotionalien - teils mit eindeutigem Wehrmachtsbezug - gefunden worden sein.[2] Die Dunkelziffer mag viel höher sein, wenn man bedenkt, dass nach Ankündigung der Durchsuchungen möglicherweise etliche Gegenstände weggeschafft wurden.

Dass rechtsextremes Gedankengut innerhalb der Bundeswehr anscheinend doch nicht entschieden bekämpft wird, zeigte sich auch am Tag der Bundeswehr in Plön: Gegen Mittag wurde ein Besucher, der ein T-Shirt mit der Aufschrift "NAFRI GO HOME" trug, von einem Friedensaktivisten entsprechend als Neonazi geoutet und lautstark konfrontiert. Dieser reagierte prompt und drohte, den Aktivisten zu verprügeln. Das Sicherheitspersonal der Bundeswehr beobachtete den Fall aus wenigen Metern Entfernung und sah sich zu keinem Zeitpunkt genötigt, einzuschreiten. Bei dem Begriff "Nafri" handelt es sich um eine interne, rassistische Arbeitsbezeichung der Polizei NRW für „Nordafrikanischer Intensivtäter“.
Der Neonazi durfte den Eingang der Marineunteroffizierschule durchqueren und wurde bei der Kontrolle am Eingang nicht weggeschickt, obwohl das Sicherheitspersonal der Bundeswehr dem Friedensaktivisten diese Maßnahme zugesagt hatte. Auf Nachfrage hin wurden die Bundeswehrsoldaten sehr ungehalten und aggressiv, zuckten zudem lediglich mit den Schultern und verwiesen auf die Polizei. Diese hatte ebenfalls kein Interesse an einer ernsthaften Überprüfung. Auch die Mitarbeiter der Pressestelle gaben sich auf Nachfrage hin unwissend. Schon seltsam... so sehen gelebte Aufklärung und Engagement der Bundeswehr gegen rechtes Gedankengut eben in der Praxis aus.

Noch schlimmer wurde es, als ein sogenannter Militärseelsorger des Katholischen Militärpfarramtes Plön das Gespräch mit den Aktivistinnen und Aktivisten suchte. Nach wirklichem Dialog sah das allerdings nicht aus: Letztlich brüllte er sich in Rage und betitelte den von der Friedensgruppe aufgestellten Holzsarg unzählige Male als "geschmacklos" - bis er am Ende sogar Schaum vor dem Mund bekam. Was allerdings an einem Holzsarg, der zum "Probeliegen von angehenden Soldat*innen" aufgestellt wurde, geschmacklos sein soll, konnte in diesem "Gespräch" leider nicht geklärt werden. Kriege fordern immer Opfer - Soldat*innen wie auch insbesondere bei der Zivilbevölkerung. Ein solcher Sarg bildet also lediglich die Realität ab.
Des Weiteren meinte er, dass es legitim sei, für das eigene Vaterland zu kämpfen und outete sich gleichzeitig als überzeugten Patrioten. Seiner Auffassung nach hätten noch nie Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten Menschen getötet bzw. ermordet. Hat er etwa zum Beispiel den Luftangriff bei Kundus, bei dem ein Bundeswehr-Oberst eine Bombardierung von zwei Tanklastwagen anordnete, bereits vergessen? Dabei sind rund 100 Menschen, darunter auch Kinder, umgekommen oder verletzt worden.[3]

Es war also eine Menge los beim Tag der Bundeswehr in Plön. Die Friedensaktivist*innen werden aber gewiss wiederkommen - bis mit perfider Jugendwerbung, volksfestartigen Veranstaltungen und der internationalen Kriegstreiberei Schluss ist. Eine demokratische und global gerechte Weltordnung kann es nur ohne Militär, Rüstungsexporte und imperialistische Großmachtsansprüche herrschender Industrienationen geben. Dafür werden die Aktivist*innen auch im kommenden Jahr kämpfen, wenn der nächste Tag der Bundeswehr ansteht.



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Quellen:
[1] Flugblatt "Mit 500 Euro bist du dabei", DFG-VK Flensburg, 2017
[2] 400 Militärdevotionalien in Kasernen gefunden - ZeitOnline (11.06.2017 9:30)
[3] Luftangriff bei Kundus - Wikipedia.org (11.06.2017 20:33)

Mittwoch, 15. März 2017

6. Jahrestag der Katastrophe von Fukushima: Erfolgreiches Aktionswochenende gegen Atomkraft


Morgens um 5:00 Uhr: Erfolgreiche Blockade des AKW Brokdorf
Bildquelle: Pay Numrich/feinfrisch.net

Auch sechs Jahre nach der schrecklichen Atomkatastrophe von Fukushima stellen Atomanlagen weltweit weiterhin ein ernstzunehmendes Risiko dar und die Situation in der japanischen Präfektur Fukushima ist nach wie vor katastrophal. Aus diesem Grund beteiligten sich am offiziellen Jahrestag der Katastrophe, dem 11.03.2017, zahlreiche Menschen in 90 deutschen Städten an Demonstrationen und Mahnwachen. Auch in Kiel gingen Atomkraftgegnerinnen und -gegner auf die Straße. Bereits einen Tag zuvor wurde das Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein erfolgreich blockiert - und die Aktivistinnen und Aktivisten mit dem Ernstfall konfrontiert.

Schon aus der Ferne war das hell beleuchtete Atomkraftwerk Brokdorf an diesem Morgen gut zu erkennen. Eine Kolonne von Autos näherte sich den beiden Toren des Kraftwerks, Personen stiegen aus und plötzlich ging alles ganz schnell. Ein Tripod wurde aufgebaut, Menschen ketteten sich mit einem Arm an selbstgebaute Atommüllfässer und verschiedene Transparente wurden aufgehängt. Um Punkt 5 Uhr stand die Blockade an beiden Werkstoren. Alles verlief reibungslos. Erst einige Minuten später näherte sich das Sicherheitspersonal. Mühelos hätten die Aktivistinnen und Aktivisten auf das Gelände gelangen können. Hier wurden die erheblichen Sicherheitsmängel von Atomanlagen erneut deutlich.
Schon bald rückten die ersten Angestellten zur Frühschicht an und auch die Polizei ließ nicht lange auf sich warten. Mit dem Auto kam nun niemand mehr aufs bzw. vom Gelände weg. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kraftwerks durften die Blockade jederzeit passieren, begeistert waren sie davon aber gewiss nicht. Diese Menschen glauben nämlich wirklich an das Märchen vom sauberen Atomstrom ohne Sicherheitsmängel und sonstige Probleme für nachfolgende Generationen. Man würde schließlich auch nur seinen Job machen.
Die Polizei zeigte sich zunächst aufgesetzt freundlich, ließ die Blockade gewähren und auch die Presse zeigte vor Ort Interesse an der Aktion. Und selbst die Kraftwerksleitung ließ sich vor dem Werkstor blicken. Mit einem derartigen Protest hatte man nämlich ganz gewiss nicht gerechnet - und war obendrein auch noch überhaupt nicht auf eine solche Situation vorbereitet.

Dann kam es zu einem Zwischenfall, vor dem AKW-Gegnerinnen und -Gegner schon seit Jahrzehnten gewarnt haben: Plötzlich ertönte die Sirene des Atomkraftwerks, die Werksfeuerwehr wurde gerufen und die Angestellten sammelten sich auf dem Gelände. Diese wurden anschließend von der Polizei in die rund zwei Kilometer entfernte Eissporthalle gebracht - angeblich "in Sicherheit". Wie naiv muss man eigentlich sein, wenn man glaubt, im Falle eines Super-GAUs in einem zwei Kilometer entfernten Gebäude ausreichend geschützt zu sein? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von PreussenElektra (vormals E.ON Kernkraft GmbH) scheinen das aber wirklich zu glauben.
Aber was war nun passiert? Zunächst hatte auch die Polizei keinerlei konkrete Informationen, ehe sich herausstellte, dass der Funkkontakt zu einem Flugzeug vom Typ Boeing 787, auf dem Weg von Ungarn über Deutschland und Belgien nach London, abgebrochen war. Über dem deutschen Hoheitsgebiet übernahmen Eurofighter die Begleitung. Was aber hätte im Ernstfall, also bei einem Terrorangriff, geschehen können? Hätte ein solcher Angriff verhindert werden können?

Fragen über Fragen, die sich offensichtlich kaum jemand zuvor gestellt hatte. Als nun ein Teil der Belegschaft weggebracht wurde (der restliche Teil verblieb im Atomkraftwerk), rückten zusätzliche Einsatzkräfte der Polizei an. Urplötzlich wollte die Polizei um jeden Preis die Blockade auflösen, weil die Gefahr für alle beteiligten Personen angeblich zu groß gewesen sei. Ganz offensichtlich waren auch die Polizistinnen und Polizisten mit diesem Ernstfall völlig überfordert, da sie anscheinend überhaupt nicht auf derartige Katastrophenszenarien vorbereitet sind. Sie wollten sich selbst in Sicherheit bringen, obwohl die Aktivistinnen und Aktivisten mehrmals zu verstehen gaben, dass es keinen wirklichen Unterschied macht, ob man sich während einer atomaren Katastrophe unmittelbar beim Atomkraftwerk oder einige Kilometer davon entfernt befindet. Die austretende Strahlung würde ganz Schleswig-Holstein und Teile Niedersachsens für eine unvorstellbare Zeit unbewohnbar machen. Bereits 2015 hatte Greenpeace Klage auf Stilllegung wegen fehlendem Terrorschutz im AKW Brokdorf gestellt.
Erfreulicherweise war es am Ende "nur" der abgebrochene, fehlende Funkkontakt. Aber wer kann wirklich garantieren, dass sich ein solches Szenario nicht erneut wiederholt und hiervon keinerlei Gefahr ausgeht? Niemand kann das. Auch deutsche Atomkraftwerke, vermeintlich als die sichersten Kraftwerke der Welt präsentiert, können keine hundertprozentige Sicherheit garantieren. Alles andere wäre eine unverfrorene Lüge. Die Polizei teilte vor Ort jedoch mit, dass ein solches Kraftwerk einen Flugzeugabsturz aushalten würde. Beweise lieferte sie für diese fahrlässige Aussage natürlich nicht.

Mit der Blockade, die am Nachmittag ihr Ende fand, forderten die Aktivistinnen und Aktivisten von Robin Wood, Contratom und der BI Kiel gegen Atomanlagen anlässlich des Fukushima-Jahrestages die sofortige Schließung aller Atomanlagen weltweit. In den letzten Wochen war während der Revision des AKW Brokdorf herausgekommen, dass die Brennelemente außergewöhnlich starke Oxidschichten gebildet hatten. Daran wird wieder einmal deutlich, dass niemand die Prozesse im Reaktor auch nur ansatzweise nachvollziehen kann – auch vor diesem Hintergrund ist es ein Skandal, die Abschaltung des von PreussenElektra betriebenen Kraftwerks auf 2021 zu datieren. Vom täglichen anfallenden Atommüll, für den es weiterhin kein sicheres Endlager gibt, mal ganz abgesehen.

Medien (ein kleiner Auszug):
Brockdorf Renegade - graswurzel.tv
Demo am AKW Brokdorf: Atomkraftgegner fordern sofortige Schließung - Sat1 Regional


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Bildquelle: Pay Numrich/feinfrisch.net


Kieler Schweigemarsch in Gedenken an die Katastrophe von Fukushima

Fukushima Jahrestag - Mahnwache am Kieler Hauptbahnhof

Einen Tag später, am offiziellen Jahrestag der Katastrophe, dem 11.03.2017, beteiligten sich in Kiel rund 45 Menschen an einem Schweigemarsch in Gedenken an die Opfer dieses Atomunglücks sowie die noch immer vorherrschenden Probleme in der japanischen Region rund um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Organisiert wurde der Schweigemarsch mit Mahnwache am Kieler Hauptbahnhof von der BI Kiel gegen Atomanlagen.

Trotz dramatischer Strahlenwerte leben in dieser Region wieder Menschen und die japanische Regierung versucht mit allen Mitteln den Eindruck zu erwecken, es sei alles völlig normal und harmlos. Keinerlei Bedenken, endlich soll dort Alltag einkehren.
Täglich werden Hunderte Tonnen Kühlwasser in die zerstörten Reaktoren geleitet, die anschließend auch ins Grundwasser gelangen und abgepumpt werden müssen, um einen Austritt ins Meer zu verhindern. Dieses Wasser wird dann in minderwertigen Tanks, die schon nach wenigen Jahren undicht werden können, auf riesigen Arealen gelagert, andere verstrahlte Materialien werden in einfachen schwarzen Müllsäcken in Wohngebieten und entlang der japanischen Küste gesammelt. Neben Platzproblemen sind Menschen tagtäglich einer unmittelbaren Strahlung ausgesetzt und ein Tsunami könnte die Müllsäcke mühelos ins Meer spülen. Dabei ist kaum absehbar, was das für Folgen hätte.

Und was machen Tepco, das Betreiberunternehmen des Atomkraftwerks, sowie die japanische Regierung? Mit allen Mitteln versuchen sie diese katastrophalen Zustände herunterzuspielen und zu vertuschen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass sich die direkten Kosten durch den Super-GAU von Fukushima auf schätzungsweise 180 Milliarden Euro summieren werden – also fast doppelt so teuer wie noch 2013 angenommen. Alle Zahlen sind nur vorläufig, indirekte Belastungen wie etwa gestiegene Gesundheitskosten sind in der Rechnung gar nicht erfasst. Die Regierung trägt diese Kosten durch Aufnahme weiterer Kredite, wobei schon heute klar ist, dass Tepco diese Gelder nie zurückzahlen wird und damit trotz jahrzehntelanger eingefahrener Profite aus der Verantwortung entlassen wird.
Die Liste der Probleme und Vertuschungen ist noch viel länger, als hier in aller Kürze darstellbar.

Und was passiert hierzulande? Acht Atomkraftwerke sind trotz mahnender Beispiele wie Fukushima oder Tschernobyl noch immer bis teils 2022 am Netz – und womöglich noch darüber hinaus. Regelmäßig finden Atomtransporte – unter anderem durch den Nord-Ostsee-Kanal – statt. Die Schiffe transportieren die gefährliche, radioaktive Fracht zwischen den Häfen St. Petersburg, Hamburg, Bremen, Antwerpen und dem Rest der Welt hin und her. Start- und Zielpunkte in der Bundesrepublik sind zum Beispiel die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau und die Brennelementefabrik in Lingen. Auch nach dem sogenannten Atomausstieg haben diese Anlagen eine unbefristete Betriebsgenehmigung. Die Transporte werden also weiter fahren.

Auch der fahrlässig organisierte Rückbau bereits abgeschalteter Atomanlagen sowie die Lagerung der sogenannten freigemessenen strahlenden Abfälle auf Hausmülldeponien sind schon heute ein großes Thema und werden uns in den nächsten Jahrzehnten noch vor viele weitere Probleme stellen.


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Sonntag, 18. Dezember 2016

Filmvorführung "The True Cost - Der Preis der Mode" - erfolgreiche Veranstaltung in Kiel

Zahlen einen hohen Preis für unsere Billigmode: Die Näherinnen und Näher in den weltweiten Textilfabriken
Bildquelle: Grandfilm

Wie kann es sein, dass in unseren Geschäften Pullover und Hosen für weniger als 10 Euro, Hemden für unter 5 Euro zu bekommen sind? Wie kommen so günstige Preise zustande? Was sind die Folgen dieser Billigmode? Wer ist dafür verantwortlich und wer sind die Leidtragenden? Und was wäre die Alternative?
Fragen über Fragen auf die der Film "The True Cost - Der Preis der Mode" von Regisseur Andrew Morgan Antworten geben möchte. Aus diesem Grund luden Brot für die Welt, das Schleswig-Holsteiner Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume, das Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein (BEI) sowie das Frauenwerk der Nordkirche und die Kieler Aktivgruppe der Kampagne für Saubere Kleidung am 23. November zu einer Filmvorführung mit anschließender Diskussion ins Studio Filmtheater ein. Die Resonanz war enorm: Rund 130 Menschen folgten der Einladung, darunter auch zwei Schulklassen der Kieler Humboldt-Schule.

Gleich zu Beginn wartet der Film mit einem eindrücklichen Kontrast auf: Auf der einen Seite abgemagerte Models, die ein vermeintliches Schönheitsideal verkörpern sollen, auf den Laufstegen internationaler Modemetropolen, auf der anderen Seite die ausgebeuteten Näherinnen und Näher am anderen Ende der Erde in den riesigen Textilfabriken verschiedener Billiglohnländer. Und irgendwo dazwischen stehen die Verbraucherinnen und Verbraucher der westlichen Industrienationen mit prallgefüllten Einkaufstüten.
Es ist eine komplexe Geschichte von Macht, Gier und Armut, die sich über die ganze Welt erstreckt. Zugleich wird aber auch gezeigt, wie es anders, besser gehen kann.

Arbeiterinnen und Arbeiter in Bangladesch, insbesondere in der Hauptstadt Dhaka, die einer der wichtigsten Produktionsstandorte ist, und anderen Billiglohnländern erhalten keinen angemessenen, existenzsichernden Lohn (auch der teilweise national geltende Mindestlohn ist zumeist viel zu knapp bemessen), müssen übermäßig viele unbezahlte Überstunden ableisten, Kinderarbeit ist nicht ausgeschlossen, Arbeitsschutz- und Hygienestandards werden von den Betreibern der Fabriken bewusst missachtet und Gewerkschaften gezielt bedroht und verhindert. Das ist gewiss kein neues Problem, sondern hat es sich seit Jahrzehnten zunehmend verschärft. Wurden beispielsweise in den 60er-Jahren rund 95 Prozent aller in den USA verkauften Kleidungsstücke auch direkt im Land produziert, sind es heute nicht einmal mehr 5 Prozent. Die Fabriken sind längst stillgelegt, die Produktion in andere Länder verlegt worden. Dort, wo es sich billiger produzieren lässt, Menschenrechte mit Füßen getreten werden und der Mensch, der die Kleidung mit seinen Händen herstellt, nichts zählt. Ein Trend der längst in den allermeisten westlichen Industrienationen erfolgt ist. Auch in Deutschland.

Große, namhafte Textilkonzerne wie H&M, Zara, Primark, Topshop, Forever 21, GAP, Mango, Joe Fresh, aber auch teure, vermeintlich gute Marken wie Adidas, Nike oder Puma haben diesen Trend maßgeblich gefördert. Gab es einst maximal vier Kollektionen pro Jahr (für jede Saison eine eigene), was letztlich schon viel zu viel ist, hat sich dieses Denken zunehmend aufgelöst. Man könnte heutzutage sogar von wöchentlich neuen Kollektionen sprechen, da ständig neue Teile in den Geschäften hängen und uns zum Kaufen animieren sollen. Immer neu, immer mehr: Fast Fashion ist das Stichwort. Billigmode als Wegwerfware eben.
Kleidung ist teilweise so billig, dass sich die Menschen nicht einmal mehr die Mühe machen, diese im Geschäft anzuprobieren. Passt diese dann nicht oder gefällt daheim doch nicht, landet sie einfach im Müll. Es kostet ja fast nichts. Außerdem arbeiten die Konzerne mit grellen Farben, speziellen Schnitten und außergewöhnlichen Materialien - mit nur einem Ziel: Die Kleidung soll schnell wieder "aus der Mode sein" und uns zu neuem Konsum animieren. Mit zeitlos schönen Textilien hat das rein gar nichts zu tun.

Aber die ohnehin schon billigen Preise sind den Konzernen offensichtlich noch nicht niedrig genug, weshalb die Modeketten untereinander im ständigen Wettbewerb stehen und noch günstiger anbieten wollen. Sie drücken deshalb die Preise in den Fabriken. Der Leiter einer solchen Textilfabrik erzählt im Film: "Wenn sie zu uns kommen wegen einer Bestellung oder Verhandlung heißt es 'Der Laden xy verkauft dieses Hemd für fünf Dollar, also muss ich es für vier Dollar anbieten. Ihr müsst es billiger herstellen'; also machen wir das. Dann kommt eine andere Marke und sagt 'Die verkaufen das für vier Dollar, dann ist unser neuer Richtpreis drei Dollar. Wenn ihr es für drei Dollar hinkriegt, kommen wir ins Geschäft. Ansonsten nicht.'".
Er muss solchen Forderungen nachgeben, weil er auf die Aufträge angewiesen ist. Es wird an allen Ecken und Enden massiv gespart und im Preis gedrückt.
Wen verwundert es da noch, dass Brände in Fabrikgebäuden ausbrechen oder diese gar einstürzen, wie beispielsweise das Rana Plaza? Die Folge sind tausende Menschen, die aufgrund fehlender Sicherheit und der Profitgier skrupelloser Konzerne und Fabrikbetreiber ihr Leben lassen mussten.

Die Probleme in der globalen Bekleidungsindustrie beschränken sich aber nicht nur auf den reinen Herstellungsprozess der Kleidung. Schon der Beginn dieser riesigen, undurchsichtigen Textilkette ist mehr als problematisch: Unmengen Pestizide, ein hoher Wasserverbrauch und spezielles Saatgut, mit dem Bäuerinnen und Bauern in die Abhängigkeit großer Agrarkonzerne getrieben werden, sind die Folgen. Arbeiterinnen und Arbeiter erkranken an den giftigen Pestiziden, unsere Umwelt wird massiv belastet. Die indische Lederindustrie, in der weiterhin mit gefährlichem Chrom gegerbt wird, leistet ebenfalls ihren Beitrag zu dieser Umweltzerstörung.

Andrew Morgan beleuchtet mit diesem Film akribisch die Missstände in der weltweiten Textilindustrie und führt uns vor Augen, dass die Menschheit trotz maßlosem Konsum nicht glücklicher wird. Der Film hinterlässt ein bedrückendes Gefühl, was aber Anlass genug sein sollte, sich über den eigenen Konsum von Kleidung Gedanken zu machen. Morgan zeigt aber auch, wie es besser gehen kann: Dafür interviewt er beispielhaft Unternehmen, die Kleidung unter besseren Bedingungen produzieren und dieses durch entsprechende Siegel glaubwürdig belegen können. Außerdem appelliert er an die Menschen, sich zum Thema Kleidung mehr zu informieren und nachzufragen.

Denn klar ist, dass die wohlklingend formulierten Verhaltenskodexe und CSR-Berichte namhafter Konzerne nichtssagendes Geschwurbel ohne irgendwelche Verbindlichkeiten sind. Sie unterhalten keine eigenen Fabriken und können sich somit aus jeglicher Verantwortung stehlen. Aufstände verzweifelter Arbeiterinnen und Arbeiter werden teils mit Gewalt von Polizei und Militär niedergeschossen - das übernehmen die jeweiligen Regierungen der Billiglohnländer. Schließlich möchte man auf keinen Fall die ach so wichtigen Auftraggeber verlieren und in ein anderes, noch billigeres Land abwandern sehen. Dann müssen die Menschenrechte der Ärmsten eben erneut mit Füßen getreten werden.

Im Anschluss an den Film diskutierten Waltraud Waidelich (Kampagne für Saubere Kleidung) und Sarah Lincoln (Brot für die Welt) mit dem Publikum. Neben der Frage, worauf bei fairer Kleidung geachtet werden muss und wo es diese zu kaufen gibt, machten beide deutlich, dass nicht nur die Verbraucherinnen und Verbraucher in der Verantwortung sind. Auch die Politik muss entsprechende Gesetze erlassen, um solche Missstände nicht länger zu ermöglichen. Bisher ist das ein Weg, der einen sehr langen Atem erfordert, da sich sowohl Politik als auch Konzerne nur langsam oder gar nicht bewegen. Des Weiteren stellten sie klar, dass Transparenz wichtig ist, alleine jedoch nicht genügt, da beispielsweise Adidas alle Produktionsstandorte offenlegt. Produziert wird dort trotzdem weiterhin unter miesen Arbeitsbedingungen. Es bleibt also nach wie vor ein langer Kampf für bessere Arbeitsbedingungen aller Menschen in der globalen Bekleidungsindustrie.


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Sonntag, 20. November 2016

Die Friedensbewegung ist in die Jahre gekommen? Ein Bericht vom U35-Treffen der DFG-VK in Kassel


Junge Aktive der DFG-VK demonstrierten in der Innenstadt von Kassel gegen Atomwaffen.

"Der Ostermarsch scheint in die Jahre gekommen zu sein. Viele der bunt gekleideten Demonstranten haben graue Haare. Nur die Linken und einige andere beteiligte Gruppen haben eine Handvoll junger Leute mobilisiert.", beschreibt die Taz-Autorin Solvej Lüdke den Ostermarsch 2012 in Kiel, bei dem vor allen Dingen die brisanten U-Boot-Lieferungen aus Kiel für Israel thematisiert wurden. Dennoch gingen nur wenige - und vor allem ältere - Leute auf die Straße. Zwar mag die Aussage der Autorin im ersten Moment anmaßend wirken - und die Zeitung fällt auch so immer mal wieder wegen ihrer militärfreundlichen Berichterstattung sowie Bundeswehr-Werbeanzeigen auf -, wenngleich diese die aktuelle Situation der Friedensbewegung sehr treffend beschreibt.

Die Friedensbewegung ist in die Jahre gekommen und der so wichtige Nachwuchs bisher weitgehend ausgeblieben. Ein Problem, dass auch die Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) betrifft: Von den rund 3500 Mitgliedern sind gerade einmal 175 Personen im Alter von 35 Jahren oder jünger. Anlass genug in einen Dialog zu treten und Überlegungen anzustellen, wie sich die DFG-VK bzw. die gesamte Friedensbewegung verjüngen und breiter aufstellen kann.

Bereits vor ein einigen Monaten hatte der Bundesverband - der stellvertretende politische Geschäftsführer Michael Schulze von Glaßer (30) und der Inhaber der Stelle zum kommenden 125-Jahr DFG-Jubiläum, Thomas Mickan (32) - daher alle Mitglieder bis 35 Jahre zu einem Vernetzungstreffen nach Kassel eingeladen. Gefolgt sind dem am Ende rund 20 junge Leute im Alter von 19 bis 35 Jahren, die dafür aus den verschiedensten Ecken des Landes - von Kiel bis Augsburg, von Berlin bis Trier - nach Kassel reisten.
Am Freitagabend, den 04. November 2016, trudelten die Friedensaktivistinnen und -aktivisten nach und nach in den Räumlichkeiten der DFG-VK Kassel - die Gruppe besitzt ein eigenes, kleines Büro in der Stadt - ein. In lockerer Atmosphäre gab es ein erstes Kennenlernen, da sich die allermeisten aufgrund fehlender bundesweiter Vernetzung bisher nicht kannten. Fließend ging dies in eine Diskussion und einen Erfahrungsaustausch über die eigenen Aktivitäten in den Ortsgruppen, die regelmäßige Arbeit und auch die Altersstruktur des Verbandes über.
Dabei wurde schnell deutlich, dass vereinzelte Ortsgruppen nur noch formell auf dem Papier existieren, es teilweise an gut durchdachten, öffentlichkeitswirksamen Aktionen fehlt, der Altersdurchschnitt teils recht hoch ist, aber durchaus Offenheit für neue, "moderne" Friedensarbeit existiere.

Auch bei Aktionen gegen Bundeswehr-Werbung, über die bei dem Treffen in Kassel von vielen Aktiven berichtet wurde, ist eine gute Zusammenarbeit zwischen jungen und älteren DFG-VK-Mitgliedern wichtig. Und so ging es beim U35-Treffen nicht nur um die eigene Vernetzung, sondern auch darum, einen Generationendialog im Verband vorzubereiten, der im immer näher rückenden Jahr des 125-jährigen Jubiläums der DFG-VK 2017 geführt werden kann: Berichte älterer Mitglieder über erfolgreiche Großdemonstrationen wie die im Bonner Hofgarten in den 80er-Jahren und den Umgang mit Parteien wie der ehemaligen Friedenspartei "Die Grünen" sind wichtig, können auf junge Aktivistinnen und Aktivisten in der heutigen Zeit aber demotivierend wirken. Sie möchten ihre eigenen Erfahrungen machen, eindrucksvolle Aktionsformen verwirklichen und dabei auch moderne Medien nutzen. Um sich darüber auszutauschen war das Vernetzungstreffen eine ideale Gelegenheit.

Und so startete der Samstag in gemütlicher Frühstücksatmosphäre mit einem Einstiegsvortrag über die Tradition der DFG-VK und ihre bekannten Mitglieder wie Bertha von Suttner, Carl von Ossietzky und auch Kurt Tucholsky. Im Vortrag wurden zudem die schlechten Zeiten und Probleme des Verbands nicht verschwiegen - das heißt auch, aus der langen und durchaus von Erfolgen geprägten Verbandsgeschichte zu lernen und die Arbeit für den weltweiten Frieden fortzusetzen. Denn gerade jetzt - in Zeiten eines aufkommenden neuen Ost-West-Konflikts und dem Krieg in Syrien - ist eine friedliche Widerstandsbewegung gegen immer weiter eskalierende, sinnlose internationale Kriegseinsätze, steigende Rüstungsexporte und -ausgaben sowie zunehmend sich verschärfende Fluchtursachen wie Krieg, Hunger, Armut und die Folgen des menschengemachten Klimawandels gefragt.
Der Vortrag motivierte aber nicht nur zum Aktivwerden, sondern zeigte auch die Instrumente dazu: Die DFG-VK besitzt heute Strukturen, die nicht allen Mitgliedern bekannt sind. Daher wurde den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Kassel erklärt, was sie in ihrer Ortsgruppe machen können, welche Strukturen die Landesverbände haben, wie man Delegierte bzw. Delegierter auf Bundesebene werden kann und - ebenfalls wichtig -, wie Gelder für die eigene Friedensarbeit beantragt werden können. Dabei wurden viele Fragen der jungen Mitglieder beantwortet.

Danach ging es nach draußen: Die Kasseler DFG-VK-Gruppe hatte eine antimilitaristische Stadtrallye vorbereitet. In drei Gruppen ging es zu den verschiedenen Rüstungsunternehmen, Kriegs- und Friedensdenkmälern sowie anderen friedenspolitisch relevanten Orten in der Stadt. An den unterschiedlichen Standorten gab es dann jeweils kurze Informationen und anhand von Bildern, etwa von den vor Ort produzierten Panzern, wurde die Nähe zwischen deutschen Auslandseinsätzen, Waffenexporten und der lokalen Ebene verdeutlicht - etwas, das in mehr Städten gezeigt werden sollte. In Kassel sind es etwa die namhaften Rüstungskonzerne Rheinmetall, Krauss-Maffei Wegmann und der Daimler-Konzern, die mit ihren Produkten weltweit Konflikte anfeuern. Von außen waren viele der Unternehmen erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Auch hier zeigt sich wieder einmal, dass Kassel, wie viele andere Städte auch, fest in der Hand bekannter Rüstungskonzerne ist. Es gilt daher, derartige Konzerne zu enttarnen und ins öffentliche Licht zu rücken!

Nach zwei Stunden trafen sich die Gruppen in der Kasseler Innenstadt wieder. Dort sollten die zwei vom Bundesverband erstellten Aktionssets zu Kleinwaffen-Exporten und der Gefahr durch Atomwaffen zum Einsatz kommen. Der Nieselregen - am ganzen Wochenende gab es leider schlechtes Wetter - hörte langsam auf und die Sets, die auch gegen eine geringe Gebühr beim Materialversand der DFG-VK ausgeliehen werden können, wurden aufgebaut.
Auf dem zentral gelegenen Königsplatz liefen mit gelben Strahlenschutzanzügen und Atemschutzmasken ausgerüstete Aktivistinnen und Aktivisten um eine mit Radioaktiv-Schildern abgesperrte "kaputte Atombombe" herum. Damit sollte abermals an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erinnert, zugleich aber auch die etwa 20 in der Eifel (Büchel) lagernden US-Atombomben, für die deutsche Soldatinnen und Soldaten im Rahmen der nuklearen Teilhabe den Abwurf trainieren, zum Thema gemacht werden. Besonders eindrucksvoll war außerdem eine aufgestellte Karte, aus der hervorging, welche Vernichtungskraft die "Hiroshima-Bombe" bezogen auf Kassel und die umliegende Region hätte. Insbesondere dieser regionale Bezug gab vielen Menschen, mit denen die AktivistInnen ins Gespräch kamen, zu denken. Des Weiteren wurde wieder einmal deutlich, dass die Thematik Atomwaffen zu selten angesprochen wird und ein Teil der Bevölkerung nichts von der Existenz der hierzulande lagernden Atombomben weiß.

Nur wenige Hundert Meter entfernt war auf dem Opernplatz ein "Tatort" mit gelbem Flatterband deutlich sichtbar abgesperrt. Personen in Schutzanzügen untersuchten die dort befindlichen blutverschmierten Waffen sowie Leichenumrisse auf dem Boden. Was für eine Innenstadt glücklicherweise eine Ausnahme ist, stellt für unzählige Menschen weltweit eine große Gefahr dar: Durchschnittlich alle 13 Minuten wird ein Mensch durch eine Kleinwaffe vom deutschen Hersteller "Heckler & Koch" getötet. Berücksichtigt man die Waffen aller Hersteller liegt die Zahl sogar noch weit darüber. Glücklicherweise handelte es sich in diesem Fall nur um Kunstblut und Waffenattrappen. Auch hier wurden die Aktivistinnen und Aktivisten ihre Flyer schnell los, etliche Menschen blieben stehen und betrachteten die Aktion gegen Waffenexporte nachdenklich.

Etwas durchgefroren aber sehr zufrieden ging es nach der Aktion gemeinsam zum Essen und anschließend wieder ins lokale DFG-VK-Büro: Bei weiteren lockeren Gesprächen fand der Samstag bei Musik und Getränken spät in der Nacht seinen Ausklang - das U35-Treffen aber noch nicht.
Am Sonntag wurde das Wochenende ausgewertet und die künftige Vernetzung bzw. weitere Zusammenarbeit geplant. Es wurden Kontaktdaten ausgetauscht und ein gemeinsamer E-Mail-Verteiler eingerichtet. Um auch in Zukunft in Kontakt zu stehen. Alle äußerten darüber hinaus den Wunsch eines weiteren Treffens im Jahr 2017, bei dem es eine größere Aktion geben soll. Mit Unterstützung des Bundesverbandes, der durch die Übernahme der Kosten für das Treffen bereits die Ernsthaftigkeit des Versuchs, die jüngeren Mitglieder einzubinden, unterstrich, wird dies hoffentlich wieder möglich. Und vielleicht kommen dann sogar noch ein paar mehr junge Leute.

Mit diesem ersten Treffen wurde eine gute Grundlage geschaffen, jetzt heißt es: Dranbleiben, noch mehr (junge) Menschen für den Widerstand gegen Militär und Kriegseinsätze zu gewinnen und den Schulterschluss verschiedener Generationen der Friedensbewegung zu bewerkstelligen. Gelingt uns das, wird es für die Bundeswehr zunehmend schwieriger an Schulen, auf Jobmessen und generell im Alltag um Akzeptanz für ihre Kriegstreibereien zu werben. Machen wir den Militärs das Leben schwer!


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