Mittwoch, 15. März 2017

6. Jahrestag der Katastrophe von Fukushima: Erfolgreiches Aktionswochenende gegen Atomkraft


Morgens um 5:00 Uhr: Erfolgreiche Blockade des AKW Brokdorf
Bildquelle: Pay Numrich/feinfrisch.net

Auch sechs Jahre nach der schrecklichen Atomkatastrophe von Fukushima stellen Atomanlagen weltweit weiterhin ein ernstzunehmendes Risiko dar und die Situation in der japanischen Präfektur Fukushima ist nach wie vor katastrophal. Aus diesem Grund beteiligten sich am offiziellen Jahrestag der Katastrophe, dem 11.03.2017, zahlreiche Menschen in 90 deutschen Städten an Demonstrationen und Mahnwachen. Auch in Kiel gingen Atomkraftgegnerinnen und -gegner auf die Straße. Bereits einen Tag zuvor wurde das Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein erfolgreich blockiert - und die Aktivistinnen und Aktivisten mit dem Ernstfall konfrontiert.

Schon aus der Ferne war das hell beleuchtete Atomkraftwerk Brokdorf an diesem Morgen gut zu erkennen. Eine Kolonne von Autos näherte sich den beiden Toren des Kraftwerks, Personen stiegen aus und plötzlich ging alles ganz schnell. Ein Tripod wurde aufgebaut, Menschen ketteten sich mit einem Arm an selbstgebaute Atommüllfässer und verschiedene Transparente wurden aufgehängt. Um Punkt 5 Uhr stand die Blockade an beiden Werkstoren. Alles verlief reibungslos. Erst einige Minuten später näherte sich das Sicherheitspersonal. Mühelos hätten die Aktivistinnen und Aktivisten auf das Gelände gelangen können. Hier wurden die erheblichen Sicherheitsmängel von Atomanlagen erneut deutlich.
Schon bald rückten die ersten Angestellten zur Frühschicht an und auch die Polizei ließ nicht lange auf sich warten. Mit dem Auto kam nun niemand mehr aufs bzw. vom Gelände weg. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kraftwerks durften die Blockade jederzeit passieren, begeistert waren sie davon aber gewiss nicht. Diese Menschen glauben nämlich wirklich an das Märchen vom sauberen Atomstrom ohne Sicherheitsmängel und sonstige Probleme für nachfolgende Generationen. Man würde schließlich auch nur seinen Job machen.
Die Polizei zeigte sich zunächst aufgesetzt freundlich, ließ die Blockade gewähren und auch die Presse zeigte vor Ort Interesse an der Aktion. Und selbst die Kraftwerksleitung ließ sich vor dem Werkstor blicken. Mit einem derartigen Protest hatte man nämlich ganz gewiss nicht gerechnet - und war obendrein auch noch überhaupt nicht auf eine solche Situation vorbereitet.

Dann kam es zu einem Zwischenfall, vor dem AKW-Gegnerinnen und -Gegner schon seit Jahrzehnten gewarnt haben: Plötzlich ertönte die Sirene des Atomkraftwerks, die Werksfeuerwehr wurde gerufen und die Angestellten sammelten sich auf dem Gelände. Diese wurden anschließend von der Polizei in die rund zwei Kilometer entfernte Eissporthalle gebracht - angeblich "in Sicherheit". Wie naiv muss man eigentlich sein, wenn man glaubt, im Falle eines Super-GAUs in einem zwei Kilometer entfernten Gebäude ausreichend geschützt zu sein? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von PreussenElektra (vormals E.ON Kernkraft GmbH) scheinen das aber wirklich zu glauben.
Aber was war nun passiert? Zunächst hatte auch die Polizei keinerlei konkrete Informationen, ehe sich herausstellte, dass der Funkkontakt zu einem Flugzeug vom Typ Boeing 787, auf dem Weg von Ungarn über Deutschland und Belgien nach London, abgebrochen war. Über dem deutschen Hoheitsgebiet übernahmen Eurofighter die Begleitung. Was aber hätte im Ernstfall, also bei einem Terrorangriff, geschehen können? Hätte ein solcher Angriff verhindert werden können?

Fragen über Fragen, die sich offensichtlich kaum jemand zuvor gestellt hatte. Als nun ein Teil der Belegschaft weggebracht wurde (der restliche Teil verblieb im Atomkraftwerk), rückten zusätzliche Einsatzkräfte der Polizei an. Urplötzlich wollte die Polizei um jeden Preis die Blockade auflösen, weil die Gefahr für alle beteiligten Personen angeblich zu groß gewesen sei. Ganz offensichtlich waren auch die Polizistinnen und Polizisten mit diesem Ernstfall völlig überfordert, da sie anscheinend überhaupt nicht auf derartige Katastrophenszenarien vorbereitet sind. Sie wollten sich selbst in Sicherheit bringen, obwohl die Aktivistinnen und Aktivisten mehrmals zu verstehen gaben, dass es keinen wirklichen Unterschied macht, ob man sich während einer atomaren Katastrophe unmittelbar beim Atomkraftwerk oder einige Kilometer davon entfernt befindet. Die austretende Strahlung würde ganz Schleswig-Holstein und Teile Niedersachsens für eine unvorstellbare Zeit unbewohnbar machen. Bereits 2015 hatte Greenpeace Klage auf Stilllegung wegen fehlendem Terrorschutz im AKW Brokdorf gestellt.
Erfreulicherweise war es am Ende "nur" der abgebrochene, fehlende Funkkontakt. Aber wer kann wirklich garantieren, dass sich ein solches Szenario nicht erneut wiederholt und hiervon keinerlei Gefahr ausgeht? Niemand kann das. Auch deutsche Atomkraftwerke, vermeintlich als die sichersten Kraftwerke der Welt präsentiert, können keine hundertprozentige Sicherheit garantieren. Alles andere wäre eine unverfrorene Lüge. Die Polizei teilte vor Ort jedoch mit, dass ein solches Kraftwerk einen Flugzeugabsturz aushalten würde. Beweise lieferte sie für diese fahrlässige Aussage natürlich nicht.

Mit der Blockade, die am Nachmittag ihr Ende fand, forderten die Aktivistinnen und Aktivisten von Robin Wood, Contratom und der BI Kiel gegen Atomanlagen anlässlich des Fukushima-Jahrestages die sofortige Schließung aller Atomanlagen weltweit. In den letzten Wochen war während der Revision des AKW Brokdorf herausgekommen, dass die Brennelemente außergewöhnlich starke Oxidschichten gebildet hatten. Daran wird wieder einmal deutlich, dass niemand die Prozesse im Reaktor auch nur ansatzweise nachvollziehen kann – auch vor diesem Hintergrund ist es ein Skandal, die Abschaltung des von PreussenElektra betriebenen Kraftwerks auf 2021 zu datieren. Vom täglichen anfallenden Atommüll, für den es weiterhin kein sicheres Endlager gibt, mal ganz abgesehen.

Medien (ein kleiner Auszug):
Brockdorf Renegade - graswurzel.tv
Demo am AKW Brokdorf: Atomkraftgegner fordern sofortige Schließung - Sat1 Regional


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Bildquelle: Pay Numrich/feinfrisch.net


Kieler Schweigemarsch in Gedenken an die Katastrophe von Fukushima

Fukushima Jahrestag - Mahnwache am Kieler Hauptbahnhof

Einen Tag später, am offiziellen Jahrestag der Katastrophe, dem 11.03.2017, beteiligten sich in Kiel rund 45 Menschen an einem Schweigemarsch in Gedenken an die Opfer dieses Atomunglücks sowie die noch immer vorherrschenden Probleme in der japanischen Region rund um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Organisiert wurde der Schweigemarsch mit Mahnwache am Kieler Hauptbahnhof von der BI Kiel gegen Atomanlagen.

Trotz dramatischer Strahlenwerte leben in dieser Region wieder Menschen und die japanische Regierung versucht mit allen Mitteln den Eindruck zu erwecken, es sei alles völlig normal und harmlos. Keinerlei Bedenken, endlich soll dort Alltag einkehren.
Täglich werden Hunderte Tonnen Kühlwasser in die zerstörten Reaktoren geleitet, die anschließend auch ins Grundwasser gelangen und abgepumpt werden müssen, um einen Austritt ins Meer zu verhindern. Dieses Wasser wird dann in minderwertigen Tanks, die schon nach wenigen Jahren undicht werden können, auf riesigen Arealen gelagert, andere verstrahlte Materialien werden in einfachen schwarzen Müllsäcken in Wohngebieten und entlang der japanischen Küste gesammelt. Neben Platzproblemen sind Menschen tagtäglich einer unmittelbaren Strahlung ausgesetzt und ein Tsunami könnte die Müllsäcke mühelos ins Meer spülen. Dabei ist kaum absehbar, was das für Folgen hätte.

Und was machen Tepco, das Betreiberunternehmen des Atomkraftwerks, sowie die japanische Regierung? Mit allen Mitteln versuchen sie diese katastrophalen Zustände herunterzuspielen und zu vertuschen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass sich die direkten Kosten durch den Super-GAU von Fukushima auf schätzungsweise 180 Milliarden Euro summieren werden – also fast doppelt so teuer wie noch 2013 angenommen. Alle Zahlen sind nur vorläufig, indirekte Belastungen wie etwa gestiegene Gesundheitskosten sind in der Rechnung gar nicht erfasst. Die Regierung trägt diese Kosten durch Aufnahme weiterer Kredite, wobei schon heute klar ist, dass Tepco diese Gelder nie zurückzahlen wird und damit trotz jahrzehntelanger eingefahrener Profite aus der Verantwortung entlassen wird.
Die Liste der Probleme und Vertuschungen ist noch viel länger, als hier in aller Kürze darstellbar.

Und was passiert hierzulande? Acht Atomkraftwerke sind trotz mahnender Beispiele wie Fukushima oder Tschernobyl noch immer bis teils 2022 am Netz – und womöglich noch darüber hinaus. Regelmäßig finden Atomtransporte – unter anderem durch den Nord-Ostsee-Kanal – statt. Die Schiffe transportieren die gefährliche, radioaktive Fracht zwischen den Häfen St. Petersburg, Hamburg, Bremen, Antwerpen und dem Rest der Welt hin und her. Start- und Zielpunkte in der Bundesrepublik sind zum Beispiel die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau und die Brennelementefabrik in Lingen. Auch nach dem sogenannten Atomausstieg haben diese Anlagen eine unbefristete Betriebsgenehmigung. Die Transporte werden also weiter fahren.

Auch der fahrlässig organisierte Rückbau bereits abgeschalteter Atomanlagen sowie die Lagerung der sogenannten freigemessenen strahlenden Abfälle auf Hausmülldeponien sind schon heute ein großes Thema und werden uns in den nächsten Jahrzehnten noch vor viele weitere Probleme stellen.


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Sonntag, 18. Dezember 2016

Filmvorführung "The True Cost - Der Preis der Mode" - erfolgreiche Veranstaltung in Kiel

Zahlen einen hohen Preis für unsere Billigmode: Die Näherinnen und Näher in den weltweiten Textilfabriken
Bildquelle: Grandfilm

Wie kann es sein, dass in unseren Geschäften Pullover und Hosen für weniger als 10 Euro, Hemden für unter 5 Euro zu bekommen sind? Wie kommen so günstige Preise zustande? Was sind die Folgen dieser Billigmode? Wer ist dafür verantwortlich und wer sind die Leidtragenden? Und was wäre die Alternative?
Fragen über Fragen auf die der Film "The True Cost - Der Preis der Mode" von Regisseur Andrew Morgan Antworten geben möchte. Aus diesem Grund luden Brot für die Welt, das Schleswig-Holsteiner Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume, das Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein (BEI) sowie das Frauenwerk der Nordkirche und die Kieler Aktivgruppe der Kampagne für Saubere Kleidung am 23. November zu einer Filmvorführung mit anschließender Diskussion ins Studio Filmtheater ein. Die Resonanz war enorm: Rund 130 Menschen folgten der Einladung, darunter auch zwei Schulklassen der Kieler Humboldt-Schule.

Gleich zu Beginn wartet der Film mit einem eindrücklichen Kontrast auf: Auf der einen Seite abgemagerte Models, die ein vermeintliches Schönheitsideal verkörpern sollen, auf den Laufstegen internationaler Modemetropolen, auf der anderen Seite die ausgebeuteten Näherinnen und Näher am anderen Ende der Erde in den riesigen Textilfabriken verschiedener Billiglohnländer. Und irgendwo dazwischen stehen die Verbraucherinnen und Verbraucher der westlichen Industrienationen mit prallgefüllten Einkaufstüten.
Es ist eine komplexe Geschichte von Macht, Gier und Armut, die sich über die ganze Welt erstreckt. Zugleich wird aber auch gezeigt, wie es anders, besser gehen kann.

Arbeiterinnen und Arbeiter in Bangladesch, insbesondere in der Hauptstadt Dhaka, die einer der wichtigsten Produktionsstandorte ist, und anderen Billiglohnländern erhalten keinen angemessenen, existenzsichernden Lohn (auch der teilweise national geltende Mindestlohn ist zumeist viel zu knapp bemessen), müssen übermäßig viele unbezahlte Überstunden ableisten, Kinderarbeit ist nicht ausgeschlossen, Arbeitsschutz- und Hygienestandards werden von den Betreibern der Fabriken bewusst missachtet und Gewerkschaften gezielt bedroht und verhindert. Das ist gewiss kein neues Problem, sondern hat es sich seit Jahrzehnten zunehmend verschärft. Wurden beispielsweise in den 60er-Jahren rund 95 Prozent aller in den USA verkauften Kleidungsstücke auch direkt im Land produziert, sind es heute nicht einmal mehr 5 Prozent. Die Fabriken sind längst stillgelegt, die Produktion in andere Länder verlegt worden. Dort, wo es sich billiger produzieren lässt, Menschenrechte mit Füßen getreten werden und der Mensch, der die Kleidung mit seinen Händen herstellt, nichts zählt. Ein Trend der längst in den allermeisten westlichen Industrienationen erfolgt ist. Auch in Deutschland.

Große, namhafte Textilkonzerne wie H&M, Zara, Primark, Topshop, Forever 21, GAP, Mango, Joe Fresh, aber auch teure, vermeintlich gute Marken wie Adidas, Nike oder Puma haben diesen Trend maßgeblich gefördert. Gab es einst maximal vier Kollektionen pro Jahr (für jede Saison eine eigene), was letztlich schon viel zu viel ist, hat sich dieses Denken zunehmend aufgelöst. Man könnte heutzutage sogar von wöchentlich neuen Kollektionen sprechen, da ständig neue Teile in den Geschäften hängen und uns zum Kaufen animieren sollen. Immer neu, immer mehr: Fast Fashion ist das Stichwort. Billigmode als Wegwerfware eben.
Kleidung ist teilweise so billig, dass sich die Menschen nicht einmal mehr die Mühe machen, diese im Geschäft anzuprobieren. Passt diese dann nicht oder gefällt daheim doch nicht, landet sie einfach im Müll. Es kostet ja fast nichts. Außerdem arbeiten die Konzerne mit grellen Farben, speziellen Schnitten und außergewöhnlichen Materialien - mit nur einem Ziel: Die Kleidung soll schnell wieder "aus der Mode sein" und uns zu neuem Konsum animieren. Mit zeitlos schönen Textilien hat das rein gar nichts zu tun.

Aber die ohnehin schon billigen Preise sind den Konzernen offensichtlich noch nicht niedrig genug, weshalb die Modeketten untereinander im ständigen Wettbewerb stehen und noch günstiger anbieten wollen. Sie drücken deshalb die Preise in den Fabriken. Der Leiter einer solchen Textilfabrik erzählt im Film: "Wenn sie zu uns kommen wegen einer Bestellung oder Verhandlung heißt es 'Der Laden xy verkauft dieses Hemd für fünf Dollar, also muss ich es für vier Dollar anbieten. Ihr müsst es billiger herstellen'; also machen wir das. Dann kommt eine andere Marke und sagt 'Die verkaufen das für vier Dollar, dann ist unser neuer Richtpreis drei Dollar. Wenn ihr es für drei Dollar hinkriegt, kommen wir ins Geschäft. Ansonsten nicht.'".
Er muss solchen Forderungen nachgeben, weil er auf die Aufträge angewiesen ist. Es wird an allen Ecken und Enden massiv gespart und im Preis gedrückt.
Wen verwundert es da noch, dass Brände in Fabrikgebäuden ausbrechen oder diese gar einstürzen, wie beispielsweise das Rana Plaza? Die Folge sind tausende Menschen, die aufgrund fehlender Sicherheit und der Profitgier skrupelloser Konzerne und Fabrikbetreiber ihr Leben lassen mussten.

Die Probleme in der globalen Bekleidungsindustrie beschränken sich aber nicht nur auf den reinen Herstellungsprozess der Kleidung. Schon der Beginn dieser riesigen, undurchsichtigen Textilkette ist mehr als problematisch: Unmengen Pestizide, ein hoher Wasserverbrauch und spezielles Saatgut, mit dem Bäuerinnen und Bauern in die Abhängigkeit großer Agrarkonzerne getrieben werden, sind die Folgen. Arbeiterinnen und Arbeiter erkranken an den giftigen Pestiziden, unsere Umwelt wird massiv belastet. Die indische Lederindustrie, in der weiterhin mit gefährlichem Chrom gegerbt wird, leistet ebenfalls ihren Beitrag zu dieser Umweltzerstörung.

Andrew Morgan beleuchtet mit diesem Film akribisch die Missstände in der weltweiten Textilindustrie und führt uns vor Augen, dass die Menschheit trotz maßlosem Konsum nicht glücklicher wird. Der Film hinterlässt ein bedrückendes Gefühl, was aber Anlass genug sein sollte, sich über den eigenen Konsum von Kleidung Gedanken zu machen. Morgan zeigt aber auch, wie es besser gehen kann: Dafür interviewt er beispielhaft Unternehmen, die Kleidung unter besseren Bedingungen produzieren und dieses durch entsprechende Siegel glaubwürdig belegen können. Außerdem appelliert er an die Menschen, sich zum Thema Kleidung mehr zu informieren und nachzufragen.

Denn klar ist, dass die wohlklingend formulierten Verhaltenskodexe und CSR-Berichte namhafter Konzerne nichtssagendes Geschwurbel ohne irgendwelche Verbindlichkeiten sind. Sie unterhalten keine eigenen Fabriken und können sich somit aus jeglicher Verantwortung stehlen. Aufstände verzweifelter Arbeiterinnen und Arbeiter werden teils mit Gewalt von Polizei und Militär niedergeschossen - das übernehmen die jeweiligen Regierungen der Billiglohnländer. Schließlich möchte man auf keinen Fall die ach so wichtigen Auftraggeber verlieren und in ein anderes, noch billigeres Land abwandern sehen. Dann müssen die Menschenrechte der Ärmsten eben erneut mit Füßen getreten werden.

Im Anschluss an den Film diskutierten Waltraud Waidelich (Kampagne für Saubere Kleidung) und Sarah Lincoln (Brot für die Welt) mit dem Publikum. Neben der Frage, worauf bei fairer Kleidung geachtet werden muss und wo es diese zu kaufen gibt, machten beide deutlich, dass nicht nur die Verbraucherinnen und Verbraucher in der Verantwortung sind. Auch die Politik muss entsprechende Gesetze erlassen, um solche Missstände nicht länger zu ermöglichen. Bisher ist das ein Weg, der einen sehr langen Atem erfordert, da sich sowohl Politik als auch Konzerne nur langsam oder gar nicht bewegen. Des Weiteren stellten sie klar, dass Transparenz wichtig ist, alleine jedoch nicht genügt, da beispielsweise Adidas alle Produktionsstandorte offenlegt. Produziert wird dort trotzdem weiterhin unter miesen Arbeitsbedingungen. Es bleibt also nach wie vor ein langer Kampf für bessere Arbeitsbedingungen aller Menschen in der globalen Bekleidungsindustrie.


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Sonntag, 20. November 2016

Die Friedensbewegung ist in die Jahre gekommen? Ein Bericht vom U35-Treffen der DFG-VK in Kassel


Junge Aktive der DFG-VK demonstrierten in der Innenstadt von Kassel gegen Atomwaffen.

"Der Ostermarsch scheint in die Jahre gekommen zu sein. Viele der bunt gekleideten Demonstranten haben graue Haare. Nur die Linken und einige andere beteiligte Gruppen haben eine Handvoll junger Leute mobilisiert.", beschreibt die Taz-Autorin Solvej Lüdke den Ostermarsch 2012 in Kiel, bei dem vor allen Dingen die brisanten U-Boot-Lieferungen aus Kiel für Israel thematisiert wurden. Dennoch gingen nur wenige - und vor allem ältere - Leute auf die Straße. Zwar mag die Aussage der Autorin im ersten Moment anmaßend wirken - und die Zeitung fällt auch so immer mal wieder wegen ihrer militärfreundlichen Berichterstattung sowie Bundeswehr-Werbeanzeigen auf -, wenngleich diese die aktuelle Situation der Friedensbewegung sehr treffend beschreibt.

Die Friedensbewegung ist in die Jahre gekommen und der so wichtige Nachwuchs bisher weitgehend ausgeblieben. Ein Problem, dass auch die Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) betrifft: Von den rund 3500 Mitgliedern sind gerade einmal 175 Personen im Alter von 35 Jahren oder jünger. Anlass genug in einen Dialog zu treten und Überlegungen anzustellen, wie sich die DFG-VK bzw. die gesamte Friedensbewegung verjüngen und breiter aufstellen kann.

Bereits vor ein einigen Monaten hatte der Bundesverband - der stellvertretende politische Geschäftsführer Michael Schulze von Glaßer (30) und der Inhaber der Stelle zum kommenden 125-Jahr DFG-Jubiläum, Thomas Mickan (32) - daher alle Mitglieder bis 35 Jahre zu einem Vernetzungstreffen nach Kassel eingeladen. Gefolgt sind dem am Ende rund 20 junge Leute im Alter von 19 bis 35 Jahren, die dafür aus den verschiedensten Ecken des Landes - von Kiel bis Augsburg, von Berlin bis Trier - nach Kassel reisten.
Am Freitagabend, den 04. November 2016, trudelten die Friedensaktivistinnen und -aktivisten nach und nach in den Räumlichkeiten der DFG-VK Kassel - die Gruppe besitzt ein eigenes, kleines Büro in der Stadt - ein. In lockerer Atmosphäre gab es ein erstes Kennenlernen, da sich die allermeisten aufgrund fehlender bundesweiter Vernetzung bisher nicht kannten. Fließend ging dies in eine Diskussion und einen Erfahrungsaustausch über die eigenen Aktivitäten in den Ortsgruppen, die regelmäßige Arbeit und auch die Altersstruktur des Verbandes über.
Dabei wurde schnell deutlich, dass vereinzelte Ortsgruppen nur noch formell auf dem Papier existieren, es teilweise an gut durchdachten, öffentlichkeitswirksamen Aktionen fehlt, der Altersdurchschnitt teils recht hoch ist, aber durchaus Offenheit für neue, "moderne" Friedensarbeit existiere.

Auch bei Aktionen gegen Bundeswehr-Werbung, über die bei dem Treffen in Kassel von vielen Aktiven berichtet wurde, ist eine gute Zusammenarbeit zwischen jungen und älteren DFG-VK-Mitgliedern wichtig. Und so ging es beim U35-Treffen nicht nur um die eigene Vernetzung, sondern auch darum, einen Generationendialog im Verband vorzubereiten, der im immer näher rückenden Jahr des 125-jährigen Jubiläums der DFG-VK 2017 geführt werden kann: Berichte älterer Mitglieder über erfolgreiche Großdemonstrationen wie die im Bonner Hofgarten in den 80er-Jahren und den Umgang mit Parteien wie der ehemaligen Friedenspartei "Die Grünen" sind wichtig, können auf junge Aktivistinnen und Aktivisten in der heutigen Zeit aber demotivierend wirken. Sie möchten ihre eigenen Erfahrungen machen, eindrucksvolle Aktionsformen verwirklichen und dabei auch moderne Medien nutzen. Um sich darüber auszutauschen war das Vernetzungstreffen eine ideale Gelegenheit.

Und so startete der Samstag in gemütlicher Frühstücksatmosphäre mit einem Einstiegsvortrag über die Tradition der DFG-VK und ihre bekannten Mitglieder wie Bertha von Suttner, Carl von Ossietzky und auch Kurt Tucholsky. Im Vortrag wurden zudem die schlechten Zeiten und Probleme des Verbands nicht verschwiegen - das heißt auch, aus der langen und durchaus von Erfolgen geprägten Verbandsgeschichte zu lernen und die Arbeit für den weltweiten Frieden fortzusetzen. Denn gerade jetzt - in Zeiten eines aufkommenden neuen Ost-West-Konflikts und dem Krieg in Syrien - ist eine friedliche Widerstandsbewegung gegen immer weiter eskalierende, sinnlose internationale Kriegseinsätze, steigende Rüstungsexporte und -ausgaben sowie zunehmend sich verschärfende Fluchtursachen wie Krieg, Hunger, Armut und die Folgen des menschengemachten Klimawandels gefragt.
Der Vortrag motivierte aber nicht nur zum Aktivwerden, sondern zeigte auch die Instrumente dazu: Die DFG-VK besitzt heute Strukturen, die nicht allen Mitgliedern bekannt sind. Daher wurde den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Kassel erklärt, was sie in ihrer Ortsgruppe machen können, welche Strukturen die Landesverbände haben, wie man Delegierte bzw. Delegierter auf Bundesebene werden kann und - ebenfalls wichtig -, wie Gelder für die eigene Friedensarbeit beantragt werden können. Dabei wurden viele Fragen der jungen Mitglieder beantwortet.

Danach ging es nach draußen: Die Kasseler DFG-VK-Gruppe hatte eine antimilitaristische Stadtrallye vorbereitet. In drei Gruppen ging es zu den verschiedenen Rüstungsunternehmen, Kriegs- und Friedensdenkmälern sowie anderen friedenspolitisch relevanten Orten in der Stadt. An den unterschiedlichen Standorten gab es dann jeweils kurze Informationen und anhand von Bildern, etwa von den vor Ort produzierten Panzern, wurde die Nähe zwischen deutschen Auslandseinsätzen, Waffenexporten und der lokalen Ebene verdeutlicht - etwas, das in mehr Städten gezeigt werden sollte. In Kassel sind es etwa die namhaften Rüstungskonzerne Rheinmetall, Krauss-Maffei Wegmann und der Daimler-Konzern, die mit ihren Produkten weltweit Konflikte anfeuern. Von außen waren viele der Unternehmen erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Auch hier zeigt sich wieder einmal, dass Kassel, wie viele andere Städte auch, fest in der Hand bekannter Rüstungskonzerne ist. Es gilt daher, derartige Konzerne zu enttarnen und ins öffentliche Licht zu rücken!

Nach zwei Stunden trafen sich die Gruppen in der Kasseler Innenstadt wieder. Dort sollten die zwei vom Bundesverband erstellten Aktionssets zu Kleinwaffen-Exporten und der Gefahr durch Atomwaffen zum Einsatz kommen. Der Nieselregen - am ganzen Wochenende gab es leider schlechtes Wetter - hörte langsam auf und die Sets, die auch gegen eine geringe Gebühr beim Materialversand der DFG-VK ausgeliehen werden können, wurden aufgebaut.
Auf dem zentral gelegenen Königsplatz liefen mit gelben Strahlenschutzanzügen und Atemschutzmasken ausgerüstete Aktivistinnen und Aktivisten um eine mit Radioaktiv-Schildern abgesperrte "kaputte Atombombe" herum. Damit sollte abermals an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erinnert, zugleich aber auch die etwa 20 in der Eifel (Büchel) lagernden US-Atombomben, für die deutsche Soldatinnen und Soldaten im Rahmen der nuklearen Teilhabe den Abwurf trainieren, zum Thema gemacht werden. Besonders eindrucksvoll war außerdem eine aufgestellte Karte, aus der hervorging, welche Vernichtungskraft die "Hiroshima-Bombe" bezogen auf Kassel und die umliegende Region hätte. Insbesondere dieser regionale Bezug gab vielen Menschen, mit denen die AktivistInnen ins Gespräch kamen, zu denken. Des Weiteren wurde wieder einmal deutlich, dass die Thematik Atomwaffen zu selten angesprochen wird und ein Teil der Bevölkerung nichts von der Existenz der hierzulande lagernden Atombomben weiß.

Nur wenige Hundert Meter entfernt war auf dem Opernplatz ein "Tatort" mit gelbem Flatterband deutlich sichtbar abgesperrt. Personen in Schutzanzügen untersuchten die dort befindlichen blutverschmierten Waffen sowie Leichenumrisse auf dem Boden. Was für eine Innenstadt glücklicherweise eine Ausnahme ist, stellt für unzählige Menschen weltweit eine große Gefahr dar: Durchschnittlich alle 13 Minuten wird ein Mensch durch eine Kleinwaffe vom deutschen Hersteller "Heckler & Koch" getötet. Berücksichtigt man die Waffen aller Hersteller liegt die Zahl sogar noch weit darüber. Glücklicherweise handelte es sich in diesem Fall nur um Kunstblut und Waffenattrappen. Auch hier wurden die Aktivistinnen und Aktivisten ihre Flyer schnell los, etliche Menschen blieben stehen und betrachteten die Aktion gegen Waffenexporte nachdenklich.

Etwas durchgefroren aber sehr zufrieden ging es nach der Aktion gemeinsam zum Essen und anschließend wieder ins lokale DFG-VK-Büro: Bei weiteren lockeren Gesprächen fand der Samstag bei Musik und Getränken spät in der Nacht seinen Ausklang - das U35-Treffen aber noch nicht.
Am Sonntag wurde das Wochenende ausgewertet und die künftige Vernetzung bzw. weitere Zusammenarbeit geplant. Es wurden Kontaktdaten ausgetauscht und ein gemeinsamer E-Mail-Verteiler eingerichtet. Um auch in Zukunft in Kontakt zu stehen. Alle äußerten darüber hinaus den Wunsch eines weiteren Treffens im Jahr 2017, bei dem es eine größere Aktion geben soll. Mit Unterstützung des Bundesverbandes, der durch die Übernahme der Kosten für das Treffen bereits die Ernsthaftigkeit des Versuchs, die jüngeren Mitglieder einzubinden, unterstrich, wird dies hoffentlich wieder möglich. Und vielleicht kommen dann sogar noch ein paar mehr junge Leute.

Mit diesem ersten Treffen wurde eine gute Grundlage geschaffen, jetzt heißt es: Dranbleiben, noch mehr (junge) Menschen für den Widerstand gegen Militär und Kriegseinsätze zu gewinnen und den Schulterschluss verschiedener Generationen der Friedensbewegung zu bewerkstelligen. Gelingt uns das, wird es für die Bundeswehr zunehmend schwieriger an Schulen, auf Jobmessen und generell im Alltag um Akzeptanz für ihre Kriegstreibereien zu werben. Machen wir den Militärs das Leben schwer!


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Montag, 18. Januar 2016

D-Mark-Wochen bei Kaufland: Unzeitgemäße Werbung ohne klare Zielgruppe


Werbung von Kaufland: Klischeebeladen und unzeitgemäß. Was verspricht sich das Unternehmen davon?
Bildquelle: Screenshot/Auszug - Kaufland "TIP der Woche"-Prospekt für die Woche ab 11.01.2016

Liebe Kaufland-Marketingabteilung,
ich weiß, Werbung soll auffallen, kreativ sein, sich von der ganzen sonstigen Werbeflut, die uns täglich umgibt, absetzen und im Idealfall die Kundinnen und Kunden in die eigenen Märkte locken. Das hat man bei Ihnen bisher üblicherweise durch Sonderangebote, Rezepte, die zum Nachkochen animieren sollen oder andere Verheißungen probiert. Das ist nicht untypisch, schließlich arbeiten andere Supermarktketten nach dem gleichen Prinzip. Woche für Woche müssen Sie sich etwas Neues einfallen lassen, immer kreativ bleiben.

Und jetzt haben Sie sich etwas ganz Pfiffiges ausgedacht: D-Mark-Wochen bei Kaufland. Ja, richtig, es darf wieder mit der Deutschen Mark bezahlt werden. Zumindest in den Filialen von Kaufland. Und nur noch bis Ende Januar. So weit, so unspektakulär.
Immerhin nimmt beispielsweise die Mode-Einzelhandelskette C&A seit der Einführung des Euros 2002 die alte Währung nach wie vor an. Insofern ist es praktisch, alte Münzen und Scheine beim Einkauf direkt verrechnen zu können. Das passiert zum offiziell gültigen Wechselkurs und spart den Gang zur Bankfiliale. Das alleine wäre somit also nicht das Problem.

Vielmehr geht es um die Tatsache, wie Kaufland diese D-Mark-Wochen bewirbt: frauenfeindlich, übertrieben nostalgisch und rückschrittlich. In den beiden seit Beginn der Aktion verteilten Werbeprospekten (#1, #2) sowie im Internet ist eine im Stil der 60er Jahre gekleidete Familie - bestehend aus Vater, Mutter, Sohn und Tochter - zu sehen. Die Dauerwelle darf da natürlich nicht fehlen.
Man will uns sagen: Die glückliche Mutti Hausfrau geht gerne einkaufen, vor allen Dingen bei Kaufland. Da sei es obendrein schließlich auch noch preiswert, wenn man den Werbeversprechen glauben mag: "Auch die Frau von Welt achtet auf ihr Haushaltsgeld." oder "Jedem Ehemann gefällt ihr sparsamer Umgang mit dem Wirtschaftsgeld.". Daneben ist ein Bild zu sehen, wie der Ehemann sorgfältig und kleinkariert die DM-Münzen in die Hand seiner treuen Ehefrau legt. Am Wochenende, wenn Vati dann mal nicht den hart arbeitenden Ernährer der Familie spielen muss, gesellt er sich mit den beiden Kindern zum Wochenendeinkauf dazu, will uns ein weiteres Motiv zeigen.
Des Weiteren gibt es ach so wertvolle Hausfrauen-Tipps, bei denen einem zum Beispiel erklärt wird, wie Leber zubereitet wird oder sich Obstflecken aus der Wäsche entfernen lassen. Wow, echt nützlich.

Sowieso werden durchweg nur alte, überholte Rollenbilder bedient. Nirgendwo ist der Mann bei der Hausarbeit zu sehen. Die Ehefrau kümmert sich um die Wäsche, kauft ein, hat den Geflügelsalat für den "Fernsehabend" vorzubereiten und serviert Schwäbischen Rostbraten und Rotweincreme - "wenn der Chef zu Besucht kommt". Diese total modernen und raffinierten Rezepte werden zum direkten Nachkochen selbstverständlich detailliert beschrieben.
Der Ehemann hingegen rationiert wie bei einem kleinen Kind das Haushaltsgeld gegenüber seiner Frau und rechnet die Ausgaben mit einer analogen Rechenmaschine zusammen (Finanzen sind eben reine Männersache). Außerdem genießt er es sichtlich, dass seine Frau ihn ohne zu murren mit einem breiten Dauergrinsen von vorne bis hinten bedient. On top, wie sollte es auch anders sein, wird der stereotypische Mann mit einem weiteren Rezept vollends perfektioniert: "Notfallrezept für den kleinen Hunger - Spiegelei". Ernsthaft? Braucht irgendein Mensch wirklich eine ausführliche Anleitung für die Zubereitung von gebratenen Eiern?

Besonders makaber wird es letztlich durch den dazugehörigen Text: "Ihre Frau ist nur mal eben aus dem Haus einkaufen und Sie überkommt daheim der kleine Hunger. Folgen Sie einfach unserer kurzen Kochanleitung und alles wird gut.
Noch ein paar Tipps: Lassen Sie sich von Ihrem Stolz nicht übermannen und halten Sie Ihren Erfolg vor Ihrer Frau geheim. Es sei denn, Sie finden Gefallen am Kochen und möchten dies ab sofort regelmäßig wiederholen. Hinterlassen Sie eine saubere und gut gelüftete Küche. Spülen Sie Pfanne und Geschirr und räumen Sie alles wieder an seinen Platz. Sollte die Zeit bis zur Rückkehr Ihrer Frau dafür nicht reichen, so sorgen Sie für ein noch größeres Chaos als Sie ohnehin schon angerichtet haben. Tun Sie alles, damit Ihre Frau sagt: "Niemals wieder lasse ich meinen Mann hungrig allein im Haus". Das nächste Mal kocht Ihre Frau fürsorglich vor oder schmiert Ihnen vor Verlassen des Hauses noch ein, zwei herzhaft belegte Schnittchen."

Abrunden möchte man diese fragwürdige Verniedlichung der Unterdrückung und verkrusteter Denkstrukturen durch die beworbenen Produkte. Viele kommen extra in kitschig-nostalgischen Verpackungen daher, es wird übertrieben viel rabattiertes Fleisch beworben und selbst Unterwäsche im Look dieser Zeit hat es in die Reklame geschafft.
Das Navigationssystem, der Flachbildfernseher, Smartphone, Crosstrainer und Kunststoff-Vorratsdosen passen zwar so gar nicht in dieses Jahrzehnt, finden sich dennoch im Prospekt wieder. Hier steht der Profitgedanke dann doch über authentischer Werbung.
Authentisch insofern, weil vieles davon tatsächlich in den 50er und 60er Jahren so gewesen sein mag. Doch das sollte gewiss nicht unter dem Deckmantel einer "Erinnerst du dich noch?"-Nostalgie neu aufleben und plump glorifiziert werden. Alte Rollenbilder, die fehlende Gleichstellung der Geschlechter und konservative Denkmuster haben im 21. Jahrhundert einfach nichts zu suchen.
Hat man Ihnen im Marketing-Studium nicht einmal das beigebracht?

P.S.: Mag ja sein, dass Sie mit Ihrer Werbung polarisieren wollen, Aufmerksamkeit erzielen möchten, sich nach diesem Artikel stolz denken: "Klasse, man redet über uns. Job getan" und am Ende sagen werden, dass alles nur mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist. Doch seien wir mal ehrlich: Wen wollen Sie mit Ihrer Werbung erreichen, was ist Ihr Motiv? Mir leuchtet es nicht ein. Geschmacklose Werbung dieser Art darf dementsprechend nicht unkommentiert bleiben - egal wie diese am Ende gemeint sein mag. 

Sonntag, 22. November 2015

Vortrag in Kiel: Kazuhiko Kobayashi berichtete über die wahren Verhältnisse im Fukushima der Gegenwart


Fukushima heute: Unzählige Säcke gefüllt mit verstrahlten Materialien
Bildquelle: Lucas Wirl, flickr, CC BY-NC 2.0

Rund viereinhalb Jahre liegt das schreckliche Ereignis nun zurück. Wer erinnert sich heute noch daran, haben wir es nicht längst vergessen, verdrängt? Die Rede ist von der Nuklearkatastrophe von Fukushima, insbesondere dem 11. März 2011.
Genau an diesem Tag war es wieder zu spüren: Die Angst, Fassungslosigkeit und gleichzeitige Ratlosigkeit. Plötzlich wurde wieder deutlich, was eigentlich ohnehin immer klar war: Atomkraft ist nicht sicher und beherrschbar. Mag man die Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 noch mit "unsicheren russischen Atomkraftwerken" gerechtfertigt und abgetan haben, konnte man es sich in diesem Fall nicht so einfach machen. Die Betroffenheit vieler Menschen führte dazu, dass über Monate Tausende bei bundesweiten Mahnwachen auf die Straße gingen. Ihre Forderung war eindeutig: "Sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit - Fukushima ist überall!".

Die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung beschloss daraufhin mit Zustimmung von Grünen und SPD einen sogenannten Atomausstieg. Anschließend nahm Angela Merkel acht Atomkraftwerke vom Netz und wurde als "Ausstiegskanzlerin" gefeiert - obwohl sie nur wenige Monate zuvor gegen den Willen der breiten Mehrheit der Bevölkerung eine Laufzeitverlängerung aller deutschen Atomkraftwerke durchgepeitscht hatte und das tatsächlich als "Revolution" zu verkaufen versuchte.
Geht es nach dem Atomausstiegsgesetz sollen die letzten Atomkraftwerke erst 2022 hierzulande vom Netz gehen - viel zu spät! Immerhin wird weiterhin täglich strahlender Müll produziert, für den es nach wie vor kein sicheres Endlager gibt, etwa wöchentlich verkehren Atomtransporte, die genau wie die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau und die Brennelementefabrik in Lingen nicht vom Atomausstieg betroffen sind und eine unbefristete Betriebsgenehmigung besitzen, durch den Nord-Ostsee-Kanal und ohnehin kann eine Regierung diesen halbherzigen Ausstieg jederzeit rückgängig machen. Dass Atomkraftwerke tickende Zeitbomben sind mal ganz außer Acht gelassen.

Doch ist Fukushima wirklich überall? Ist uns diese Situation weiterhin allgegenwärtig? Wer denkt schon noch an diese Katastrophe? Die Medien zeigen kaum noch Interesse für diese Thematik und auch die meisten Menschen mögen denken, dass sich die Lage in Japan längst wieder normalisiert hat und der Alltag zurückgekehrt ist.

Dem ist leider nicht so - ganz im Gegenteil:
Nicht ohne Grund hat die BI Kiel gegen Atomanlagen im November Herrn Kazuhiko Kobayashi zum zweiten Mal in Folge nach Kiel eingeladen. Kobayashi gilt als Kenner der vorherrschenden Lage in Japan, insbesondere in der Präfektur Fukushima und zugleich auch als entschiedener Atomkraftgegner.
Etwa 70 Leute, darunter auch viel SchülerInnen und Lehrkräfte, sind der Einladung ins Kieler RBZ Wirtschaft gefolgt. Der Hörsaal war bis auf den letzten Platz belegt.
Gleich zu Beginn stellte Kobayashi klar, dass die japanische Regierung rein gar nichts aus der Atomkatastrophe gelernt hat und im August diesen Jahres das erste Atomkraftwerk wieder ans Netz nahm - gegen den Willen der Mehrheit der JapanerInnen. Der Stromkonzern Tepco und die Regierung versuchen mit allen Mitteln den Eindruck zu erwecken, dass sich die Lage längst zu einem unbedenklichen Normalzustand gewandelt hat. Menschen werden bewusst zurück in die Region Fukushima gelockt, sie werden ganz bewusst belogen.

Kaum vorstellbar sind die Mengen schwarzer Säcke, gefüllt mit verstrahlten Materialien, die sich entlang der japanischen Küste stapeln. Es handelt sich dabei um einfache Müllsäcke, die auf grob fahrlässige Weise gelagert werden: Es geht dabei nicht nur um die Tatsache, dass diese jederzeit aufreißen können, sondern auch um Platzprobleme (eine begrenzte Landfläche für eine auf unabsehbare Zeit steigende Zahl an Säcken) und die tägliche Gefahr, dass ein Tsunami sämtliche Säcke ins Meer spült. Dabei ist kaum absehbar, was das für Folgen hätte. Tepco und regierende PolitikerInnen scheint das nicht zu beunruhigen.
Das Platzproblem hat unlängst dazu geführt, dass auch Wohngebiete und Vorgärten zu Lagerstätten eben dieser Müllsäcke erklärt worden sind. In vielen Wohngebieten müssen die Menschen regelmäßig die verstrahlten Bodenoberflächen abgetragen und in solchen Behältnissen sammeln.

Darüber hinaus werden verstrahlte Flüssigkeiten in schwarzen Tanks gelagert, die gerade einmal auf eine Lebensdauer von vier Jahren ausgelegt sind - viele dieser Behälter werden schon deutlich eher undicht. Riesige Areale, auf denen die Tanks stehen, sind erforderlich. Für die Aufstellung und Betreuung dieser Behältnisse ist Tepco jedoch nicht selber verantwortlich. Alle Arbeitsschritte wurden an Subunternehmen ausgelagert, die wie Tepco selber allesamt an dieser Situation kräftig verdienen wollen. Besonders perfide wird es allerdings, wenn klar wird, dass für die Aufstellung und Instandhaltung beschädigter Tanks AnalphabetInnen und Obdachlose eingesetzt werden. Was aus diesen Schicksalen wird, ist nicht bekannt - lange arbeiten die Menschen dort nicht. Sie werden schon nach kurzer Zeit ausgetauscht und es ist davon auszugehen, dass die Mehrheit mit den tödlichen Folgen der Radioaktivität zu kämpfen hat.

In weiträumigen Gebieten um das Atomkraftwerk hat sich die Lebenssituation der Menschen grundlegend verändert. Kinder können beispielsweise nicht mehr im Freien spielen, weil die Strahlengefahr, vor allem in Flüssen und anderen Gewässern, viel zu groß ist. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass Kobayashi bei seinen Vortragsreisen durch Europa Geld sammelt und damit unter anderem Kindern aus dieser Strahlenzone für ein paar Tage Freizeit in der Natur in einem anderen Teil des Landes ermöglicht. Immerhin sind es gerade Kinder, die auf unschuldige Weise in diese Situation hineingezogen worden sind bzw. es weiterhin werden.
Und eben diese Kinder werden für skrupellose Versuche missbraucht: Sie tragen ein Dosimeter um den Hals und täglich zeichnen Lehrkräfte die gemessene Strahlenbelastung auf. Die Zahlen landen dabei auch bei der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), einer atomkraftfreundlichen Lobbyorganisation, die anstelle der Weltgesundheitsorganisation einseitige Aussagen zum (gesundheitlichen) Risiko von Atomenergie trifft. Was die gemessenen Werte der Fukushima-Kinder angeht, gibt die IAEO - wie für eine derartige Lobbyorganisation nicht anders zu erwarten - absolute Entwarnung und sieht keine gesundheitlichen Risiken. Tepco und die japanische Regierung nicken solche Thesen ganz selbstverständlich ab.

Wer seit der Nuklearkatastrophe geflohen ist, versucht sich in einem anderen Teil des Landes ein neues Leben aufzubauen. Wer keine finanziellen Mittel besitzt oder nirgendwo sonst Arbeit findet, bleibt zwangsweise in der Strahlenregion zurück. Die Geflüchteten reden allerdings nicht über ihre Vergangenheit, erzählen nichts von ihrem Herkunftsort. Viel zu groß ist die Angst - wir erinnern uns an die Zeit nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki 1945, wo Vergleichbares festzustellen war bzw. immer noch ist - vor Stigmatisierung. Mit Strahlenflüchtlingen möchte man nichts zu tun haben. Wird nach Eheschließung bekannt, dass die Partnerin bzw. der Partner aus diesem verstrahlten Gebiet stammt, führt das zumeist zur Trennung. Viele Menschen haben eine völlig unbegründete Angst, selber zu einem sogenannten Strahlenopfer zu werden.

Es gibt um das Atomkraftwerk allerdings auch Personen, die die Schuld nicht bei Tepco und der herrschenden Regierung sehen. Zumeist sind es Reisbäuerinnen und -bauern, die der verklärenden, bewusst täuschenden Politik auf den Leim gegangen sind. Sporthallen werden gebaut, Sportevents finanziert und Alibibeträge in die Region investiert. Damit möchte man die BürgerInnen ruhigstellen und das eigene Image schönfärben. Dabei sind eigentlich die vom Reisanbau lebenden Menschen ganz direkt betroffen: Denn der Reis, wie viele andere japanische Lebensmittel auch, die unter anderem für den Export in die ganze Welt bestimmt sind, weist eine erhöhte Strahlendosis auf und ist somit gegebenenfalls gesundheitlich nicht unbedenklich.

Offensichtlich ist, dass die regierenden Eliten und Stromkonzerne nichts aus der Katastrophe gelernt haben und nicht lernen wollen. Sie verwalten das entstandene Elend auf miserable Weise und versuchen daraus gar noch Profite zu erwirtschaften. Deshalb darf die Anti-AKW-Bewegung hierzulande wie auch in Japan nicht nachgeben. Der Druck muss erhöht werden, damit sich nirgendwo auf der Welt eine solche Katastrophe wiederholt. Und genau diese Notwendigkeit hat Kazuhiko Kobayashi mit seinem Vortrag abermals eindrucksvoll klargestellt.
Aus Fukushima lernen heißt: Sofort und weltweit alle Atomanlagen abschalten!

Sonntag, 4. Oktober 2015

03. Oktober: Tag des Deutschen Konsums

In Kiel oder anderswo: Volle Parkplätze, diverse Geschäfte und jede Menge kauflustige Menschen (Symbolfoto)
Bildquelle: Matthias Lambrecht, flickr, CC BY-SA 2.0

Der 03. Oktober, also der Tag der Deutschen Einheit, soll uns auch nach 25 Jahren abermals an die offizielle Wiedervereinigung von Ost und West erinnern. Bei aller Freude über dieses Ereignis wird leider zumeist vergessen, dass der Osten Deutschlands nach wie vor schlechter als der Westen abschneidet: niedrigere Löhne, kleinere Renten, längere Arbeitszeiten, weniger Urlaubstage und dementsprechend nur halb so große Vermögen. Ja, genau diese Missstände müssen an einem solchen Feiertag immer wieder zum Thema gemacht werden.
Für die allermeisten Menschen dürfte der Einheitstag vermutlich dennoch eher wie ein ganz gewöhnlicher Tag daherkommen, an dem gar nicht darüber gesprochen wird. Die Mehrheit muss nicht arbeiten und kann den Tag ganz für sich nutzen. So ein Ruhetag kann gut tun und sinnvoll genutzt werden: ein Spaziergang, mit den Kindern zum Spielplatz, Freunde treffen oder einfach mal nichts tun. So ein Tag soll schließlich auch der eigenen Erholung dienen.

Was sich an diesem Samstag allerdings in Kiel abgespielt hat, ist eigentlich kaum zu glauben und doch auf viele andere Städte übertragbar. Die großen Einkaufszentren haben zum sogenannten "Verkaufsoffenen Samstag" gerufen und die Menschen sind gekommen - zahlreich!
Richtig, die Menschen kamen zum Shoppen, wollten Geld ausgeben, Spaß haben, konsumieren. Dafür hätte man zwar auch das ganze restliche Jahr Zeit, aber so ein Feiertag bietet sich anscheinend geradezu hervorragend hierfür an. Dass auch die Beschäftigten des Einzelhandels einen freien Tag gebrauchen könnten, scheint wohl kaum jemanden zu stören.

Nach eigener Aussage bietet alleine der Citti-Park über 3200 Parkplätze, die an diesem Tag augenscheinlich alle belegt waren, sodass sich auf dem Zubringer sowie in den umliegenden Straßen über Stunden ein langer Stau bildete. Was gibt es Schöneres, als den halben Tag im Stau und mit Parkplatzsuche zu verbringen? Man hätte auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln stressfreier und schneller anreisen können. Noch absurder wird es allerdings, wenn man sich die Nummernschilder der im Stau befindlichen Wagen genauer anschaut: Husum, Pinneberg, Itzehoe oder Heide. Sie kamen scharenweise aus dem ganzen Bundesland und haben dafür gut und gerne bis zu 100 Kilometer auf sich genommen. Und das alles, um an einem freien Tag in einem Shoppingcenter in Geschäften einkaufen zu können, die es überall sonst auch zu finden gibt. Es ist schlichtweg grotesk.

Allerdings sind die Leute eben nicht dort gewesen, weil ihnen plötzlich das Bügeleisen oder der Wasserkocher kaputt gegangen ist und sie schnell Ersatz benötigten - es ging um weitaus mehr. Überflüssig Kleidung shoppen, bei Mc Donalds ein paar Burger reinpfeifen oder "einfach nur mal gucken" und Zeit vertreiben. Man bekommt dort ein ganz spezielles Lebensgefühl, fühlt sich zwischen all den Menschenmassen, Lichtern, Werbeschildern und Rabattaktionen sichtlich wohl. Junge Pärchen, Eltern mit Kindern, Senioren - an diesem Samstag sind sie alle da gewesen.
Fast noch erstaunlicher scheint die Tatsache, dass unzählige Einkaufswagen, prallgefüllt bis oben hin mit Lebensmitteln, diese Konsumtempel verlassen haben. Warum schafft man es nicht, rechtzeitig vorher einzukaufen? Ein Tag vorher hätte doch gereicht. Völlig vermeidbar also. Zudem hat doch jeder normale Haushalt noch Lebensmittel in petto, um so ein Wochenende notfalls ohne Sondereinkauf zu überstehen.

Den Einzelhandel dürfte es gefreut haben, dass die Menschen selbst an einem solchen Feiertag nichts Besseres mit sich anzufangen wissen als einzukaufen und deren Konsumhunger anscheinend unersättlich ist. Nicht nur den eigenen Kindern vermittelt das ein völlig falsches Bild der Freizeit- und Lebensgestaltung, auch signalisiert man den Beschäftigten der einzelnen Läden damit klar und deutlich, dass einem deren Situation völlig egal ist. Und wer denkt hierbei eigentlich an die Umwelt?
Warum taufen wir diesen Tag nicht gleich auf den Namen "Tag des Deutschen Konsums"? Das wäre vielerorts zumindest ehrlicher.

Mittwoch, 12. August 2015

Aus der Geschichte nichts gelernt: In Japan geht das erste Atomkraftwerk wieder ans Netz!

Protest in Shibuya, Japan: "Keine weiteren Fukushimas!", geholfen hat das leider bisher trotzdem nicht.
Bildquelle: Matthias Lambrecht, flickr, CC BY-NC 2.0

Ich erinnere mich noch gut an die Fernsehbilder, die bereits kurze Zeit nach der Katastrophe in Japan, am 11. März 2011, ausgestrahlt wurden. Live-Ticker lieferten den gesamten Tag über neue Nachrichten aus der betroffenen Region, überall sprachen die Menschen darüber und Fassungslosigkeit mischte sich mit Ratlosigkeit. Man bekam plötzlich ein Gefühl dafür, was eine solche nukleare Katastrophe tatsächlich bedeutet. Einstürzende Gebäudeteile, Explosionen und Brände - es kam zur Kernschmelze in mehreren Reaktoren, der Super-GAU war eingetroffen. Schlagartig musste die ganze Welt miterleben, dass Atomkraft nicht beherrschbar und kein Atomkraftwerk weltweit vor Naturkatastrophen - in diesem Fall Erdbeben und Tsunami - sicher ist. Neu war diese Erkenntnis natürlich nicht. Die Umwelt ist bis heute für eine für uns unvorstellbar lange Zeit verstrahlt und unzähligen Menschen und Tieren hat diese Tragödie das Leben gekostet - bis heute! Noch immer leiden unzählige Menschen bzw. die gesamte Präfektur Fukushima unter den Folgen.

Wenige Tage nach der Katastrophe versammelten sich in diversen deutschen Städten etliche Menschen zu spontanen Mahnwachen und Demonstrationen, forderten die sofortige und weltweite Abschaltung aller Atomanlagen und konkrete Hilfe für die erschütterte Region. Überall solidarisierten sich Menschen, gedachten der unzähligen Opfer. Es war eine Stimmung des Aufbruchs: Nie wieder Atomkraft! Ein für alle Mal Schluss damit!
Woche für Woche gingen die Menschen auf die Straße und forderten entschiedeneres Handeln von Seiten der Politik. Unmittelbar nach diesem Ereignis beschloss die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung den sogenannten Atomausstieg und plötzlich wurde Angela Merkel als "Ausstiegskanzlerin" gefeiert. Man bedenke dabei, dass unter ihrer Führung nur wenige Monate zuvor eine Laufzeitverlängerung durchgesetzt wurde. Der Druck der Bevölkerung war nach Fukushima einfach zu groß. Angela Merkel handelte hierbei sicherlich nicht aus Überzeugung und ließ sich das Hintertürchen natürlich offen: Erst 2022 soll das letzte deutsche Atomkraftwerk vom Netz gehen - bis dahin wird weiter strahlender Müll produziert, für den es bis heute kein sicheres Endlager gibt und auch in Zukunft nicht geben wird. Da dieser Ausstieg nicht im Grundgesetz verankert ist, kann auch nach 2022 jederzeit zur Atomenergie zurückgekehrt werden. Zumal dabei berücksichtigt werden muss, dass die Brennelementefabrik in Lingen und die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau sowie alle damit verbundenen etwa wöchentlich stattfindenden Atomtransporte von diesem Ausstiegsgesetz nicht betroffen sind. Sie haben eine unbefristete Betriebsgenehmigung. Vom fehlenden Atomwaffenverbot mal ganz abgesehen: Vermutlich noch 20 US-Atombomben sind im Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel gelagert und sollen im Ernstfall von deutschen Tornados im Rahmen der sogenannten „nuklearen Teilhabe“ zu ihren Zielen geflogen werden. SPD und Grüne stimmten diesem halbherzigen Atomausstieg zu - entgegen ihrer stets zuvor genannten Wahlkampfversprechen, erheblich früher aus der Atomenergie auszusteigen. Glaubwürdig ist das jedenfalls nicht.
Acht Atomkraftwerke befinden sich alleine in Deutschland weiterhin am Netz und stellen damit potentielle Zeitbomben dar. Niemand kann ausschließen, dass sich vergleichbare Szenarien wie in Tschernobyl 1986 oder Fukushima auch hierzulande ereignen. Sollte es dennoch zu einem nuklearen Unfall kommen, wäre der deutsche Katastrophenschutz völlig unzureichend: Eine Evakuierung sämtlicher betroffener BürgerInnen und die Ausgabe der Jodtabletten an alle Menschen wären logistisch überhaupt nicht zu leisten. Zudem lassen sich im Vorfeld solche Szenarien für die entsprechenden Einsatzkräfte gar nicht proben. Nur eine sofortige Abschaltung schafft wirkliche Sicherheit und ermöglicht eine vernünftige Ausgangslage zur Suche nach einer Lagerstätte für radioaktive Abfälle.

Und wer nun glaubt, dass Deutschland nach wie vor auf diese Art der Stromversorgung angewiesen ist, irrt gewaltig: "In einer aktuellen Studie im Auftrag von .ausgestrahlt hat das Energiewende-Beratungsunternehmen Arepo Consult die vorhandenen Stromerzeugungskapazitäten untersucht. Demnach stehen selbst unter extrem pessimistischen Annahmen (Dunkelheit, deutschlandweite Flaute, maximal hoher Strombedarf) rechnerisch genügend nicht-atomare Kraftwerke zur Verfügung, um den gesamten Stromverbrauch in Deutschland jederzeit zu decken. Auch in Süddeutschland, wo (inklusive Grafenrheinfeld) derzeit noch zwei Drittel der AKW stehen, müsste ohne AKW kein Licht ausgehen."[1]
Erschreckend ist zudem die Tatsache, dass Deutschland auch nach der erst kürzlich erfolgten Abschaltung vom Atomkraftwerk Grafenrheinfeld zweitgrößter Atomstromproduzent der EU bleibt. Das belegen die Zahlen des „World Nuclear Industrie Status Report“. Bezogen auf die Gesamtsumme der im jeweiligen Land betriebenen AKW in Megawatt abgegebener elektrische Leistung bei vollem Betrieb kommt Deutschland auf 10.799, gefolgt von Großbritannien mit 9.373. An der Spitze steht Frankreich mit 63.130 Megawatt (Stand: Juli 2015).[2]

Aber selbst in Japan direkt hat man offensichtlich nicht aus der Katastrophe gelernt und das erste Atomkraftwerk nach zwei Jahren wieder ans Netz genommen. Japans Premier Shinzo Abe hat damit gegen den Willen der breiten Mehrheit innerhalb der Bevölkerung gehandelt. Der erste von zwei Reaktoren im 31 Jahre alten Atomkraftwerk Sendai, von fünf aktiven Vulkanen umgeben, ist wieder in Betrieb. Es ist ein krasser Rückschlag für die japanische Anti-AKW-Bewegung. Es wäre so wichtig gewesen, dass Japan seine Lehren aus Fukushima zieht und international als gutes Beispiel vorangeht. Mit der Inbetriebnahme zuvor stillgelegter Atomkraftwerke wird ein völlig falsches Signal ausgesendet. Die Regierung um Shinzo Abe zeigt sich vom Willen der Bevölkerung, nie wieder zur Atomkraft zurückzukehren, unbeeindruckt. Dieser Schritt wird - das ist aus Deutschland und anderen europäischen Ländern quasi im gleichen Wortlaut zu vernehmen - mit der Notwendigkeit der Atomenergie gerechtfertigt: Schließlich sei diese weitgehend sauber und unabdingbar für eine stabile Energieversorgung. Auch seien die Sicherheitsauflagen verschärft worden, was - und das zeigen diverse internationale Störfälle - am Ende keine Garantie für den Schutz vor atomaren Unfällen bedeutet. Zynische Behauptungen von Personen, die es eigentlich besser wissen müssten. Stromversorger und Kraftwerksbetreiber wie Kyushu Electric präsentieren sich - auch das kennen wir in Deutschland nur zu gut - als wichtige regionale Arbeitgeber und finanzieren zahlreiche Großprojekte. Auf diese Weise möchte man sich Sympathien innerhalb der Gesellschaft erkaufen.
Zahlenmäßig ist die Opposition in Japan klein, die politische Mehrheit stimmt also für einen zukünftigen atomaren Kurs. Es geht am Ende eben doch nur um reine Profitmaximierung - auf Kosten von Mensch und Umwelt![3]

Das Atomkraftwerk Takahama soll als nächstes folgen. Die Atomlobby scheint zu erstarken, obwohl Japan - wie eben alle anderen Länder auch - vom Ausbau der erneuerbaren Energien erheblich profitieren würde und auf diese rückschrittige Form der Energieerzeugung nicht mehr angewiesen ist. Der Widerstand in Japan und auch bei uns hierzulande darf nicht abflachen. Wir müssen uns gemeinsam für eine Zukunft ohne Atomanlagen einsetzen, damit sich derartige schreckliche Ereignisse nicht wiederholen. Premier Abe muss das Atomkraftwerk Sendai umgehend wieder vom Netz nehmen![4]

[1] Atomausstieg 2015 – gehen ohne Atomkraftwerke die Lichter aus? - .ausgestrahlt (12.08.2015 00:16)
[2] World Nuclear Industrie Status Report (12.08.2015 00:40)
[3] Lill, Felix: Atomkraft in Japan: Entschieden unentschieden, in: Kieler Nachrichten (2015), Nr. 185, S. 3
[4] Atomkraft ist der neue Walfang - sueddeutsche.de (12.08.15 01:15)
 

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